Kojotenhöhle

Was dich hier erwartet, ist nicht der Versuch, irgendetwas zu umschreiben. Ich nenne die Dinge durchaus beim Namen, auch wenn ich versuche, das niveauvoll zu tun. Und ich versuche außerdem, Geschichten zu erzählen, in denen der Sex ein Teil des Ganzen ist und nicht der einzige Teil. Man findet hier wohl auch Grenzwertiges für manche Geschmäcker. Ob man es als BDSM-artig oder als abartig empfindet, liegt dabei ganz im Auge des Betrachters.

Wenn es dir gefällt, lass es mich wissen. Wenn es dir nicht gefällt, gerne auch. Hinterlass mir einen Kommentar oder schreib es mir per Mail an Mike.Stone bei gmx.net .

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Samstag, 19. Januar 2013

Kissed a Girl


Kissed a Girl
Eine Kurzgeschichte, deren Thema sich  - ausnahmsweise - am Titel orientiert

Zu dieser Geschichte habe ich eigentlich nur eine Anmerkung: Es geht um Gefühle und weniger um Körperlichkeiten. Wenn eine Story ohne expliziten Sex für dich also Zeitverschwendung ist, kannst du mit dem Lesen an dieser Stelle aufhören.

Für mich ist es einfach 'mal was anderes'. Und außerdem musste ich die Geschichte schreiben, denn sie drängelte sich dazwischen, als ich eigentlich gerade was anderes bearbeiten wollte.

Die Schuld trägt jemand mit dem Pseudonym Boelker, der mich um ein paar Ecken auf die Idee brachte.


*****


Thomas reckte den Arm nach oben und schlagartig herrschte Stille im Klassenraum.
Die hitzige Diskussion zwischen Mädchen und Jungs hatte mit einem Mal ein Ende und alle starrten seine Hand an. Oder genauer gesagt das, was sich darin befand.

Auf dem Bildschirm des Smartphones war das Innere einer Disko zu erkennen. An einer Säule, direkt vor der Kulisse der Körper auf der Tanzfläche, standen zwei Frauen. Sie redeten. Aber es war entweder ein sehr vertrauliches Gespräch oder doch schon fast etwas ganz anderes.
Tina wurde rot, als sie die Szene sah. Sie erkannte die gefilmte Situation natürlich sofort. Immerhin war sie eine der Hauptdarstellerinnen. Und abgesehen davon würde sie diesen Abend bestimmt auch aus anderen Gründen nicht so schnell vergessen.
Was nun leider auch für alle ihre Klassenkameraden galt.

Die versammelten Schüler der Abschluss-Klasse des Gymnasiums starrten wie hypnotisiert auf die Aufzeichnung. Selbst dem größten Trottel und Spätzünder konnte nicht entgehen, wie sich die Finger der beiden Frauen vorsichtig fanden. Den meisten entging allerdings ziemlich wahrscheinlich die tatsächliche Dynamik.
Schreckensstarr musste auch Tina hinsehen und sich selbst eingestehen, dass es wie ein absolut einvernehmlicher und von beiden Seiten forcierter Flirt wirkte. Und irgendwie… war das ja auch nicht wirklich die Unwahrheit.
Vor einem Gericht hätte ihr die Wahrheit jedenfalls nicht den Hals gerettet.

Aus den Lautsprechern des Smartphones war passenderweise ‚I Kissed a Girl‘ von Katy Perry zu hören, als die andere Frau ihren Kopf langsam auf Tina zuneigte. Natürlich war da so. Und es war auch kein Zufall. Damit hatte schließlich die ganze Sache angefangen.
Gebannt sah sie dabei zu, wie die etwas ältere Frau ihr eigenes Alter Ego auf dem Bildschirm offenen Auges küsste. Sie erinnerte sich an ihr rasendes Herz, als das Gesicht näherkam. Und an den Sekundenbruchteil des Zögerns der anderen, kurz bevor es passierte.

Es war der Moment der Wahrheit gewesen. Die letzte Chance, noch einen Rückzieher zu machen. Und Tina hatte sie völlig ungenutzt verstreichen lassen.
Sie hatte der Berührung entgegengefiebert. Und selbst jetzt noch spürte sie das Kribbeln wie von einem kleinen Stromschlag, als es dann passierte. Noch heute stockte ihr der Atem.
Der Kuss hatte so unendlich sanft begonnen und dann in einer fließenden Minute völliger Harmonie stetig an Leidenschaft zugenommen. Bis sie sich nicht nur in den Armen der Frau wiederfand, sondern diese Geste auch rückhaltlos erwiderte.

Die Musik brach ab und Tina schaffte es rechtzeitig aus der Erinnerung zurück in die Gegenwart, um zu sehen, wie sich alle ihr zuwandten. Sie schluckte.
Der vorherrschende Ausdruck war Unglaube. Aber da war auch eine Menge Abscheu und Verachtung. Zu viel, als das sie es ertragen konnte.
Als sie die Flucht ergriff, rief ihr Thomas nach: „Es ist übrigens aus mit uns!“
Falls er noch etwas sagte, ging es im allgemeinen Ausbruch von Diskussionen unter.

Tina rannte. Sie floh vor den anklagenden Blicken. Vor den Fingern, die auf sie zeigen würden.
Weil sie ihren Freund betrogen hatte. So wie er es vor fünf Minuten behauptete und damit einen allgemeinen Streit vom Zaun brach. Einen Streit zwischen den Jungs, die zu ihm hielten und den Mädels, die zu ihr hielten. Obwohl sie alle gar nichts wussten.
Aber sie lief auch vor dem weg, was danach in den Blicken stehen würde. Der Unglaube und die Ablehnung, weil sie eine Frau geküsst hatte. Und zwar nicht aus einer Partylaune heraus, wie jeder gesehen hatte.

Tina wusste, wie das lief. Lesben waren okay, solange sie ganz woanders existierten. Aber als eine von ihnen war das keinesfalls akzeptabel. Die Mädels würden sie von nun an nur noch mit der Kneifzange anfassen. Und die Jungs würden sie verabscheuen.
Die bislang so beliebte Tina war nun dank eines zweiminütigen Videos eine ‚Persona non grata‘. Und wenn die ersten Eltern Wind davon bekamen, würde die Sache nur noch schlimmer werden.
Sie wusste all das, denn keine drei Jahre zuvor hatte sie es hautnah miterlebt. Und selbst dabei mitgeholfen…

*****

Carina plumpste schockiert zurück auf ihren Stuhl, als sie das Video sah. Sie konnte es nicht fassen.
Da waren Tina und eine wildfremde Frau. Und sie küssten sich. Und zwar so, als würden sie es verdammt ernst meinen.

Als Thomas sein Handy senkte, war sofort der Teufel los. Alle diskutierten aufgeregt über das, was sie gerade gesehen hatten. Nur Carina war wie betäubt.
Tina war seit zehn Jahren ihre beste Freundin. Und sie hatte ihr nichts gesagt. Nicht einen Ton.
Das war hart…

Vage bekam sie am Rande mit, wie sich die allgemeine Stimmung gegen Tina verfestigte. Wo die Mädchen zuvor schon aus Solidarität zu Ihresgleichen gehalten hatten, war man sich nun geschlechtsübergreifend einig, dass Tina ihren Freund betrogen hatte.
Wäre sie nicht so schockiert gewesen, hätte die Achtzehnjährige sich vielleicht eingemischt und darauf hingewiesen, dass der ‚arme‘ Thomas ganz sicher einige Seitensprüngen mehr auf seinem Konto hatte. Aber für den Moment war sie einfach zu geplättet.

Als Herr Weigand eintrat und versuchte, das Chaos zu übertönen, wusste Carina sehr genau, dass sie keinesfalls am Unterricht teilnehmen konnte. Sie musste nachdenken. Und…
Ja. Sie musste mit Tina reden. Sofort!
Aber die war, wie sie plötzlich feststellte, verschwunden.

Es war nicht schwierig, hinter dem Rücken des überforderten Lehrers aus der Klasse zu schlüpfen. Kompliziert wurde es erst dann.
Tina war geflohen. Aber wohin?
Ganz bestimmt nicht an einen Ort, an dem irgendwer sie vermuten würde. Sie lief vor den hämischen Stimmen und anklagenden Fingern ihrer Klassenkameraden davon. Also musste sie sich irgendwo verstecken, wo sie niemand vermuten würde.

Carina atmete tief durch. Sie musste systematisch an die Suche herangehen. Auch wenn das eigentlich eher Tinas Stärke war.
‚Denke wie dein Feind‘, erinnerte sie sich an irgendetwas Belangloses aus dem Geschichtsunterricht.
Sie musste denken wie Tina. Und das bedeutete, dass die naheliegendste Möglichkeit für jeden anderen Menschen - nämlich Zuhause - sofort ausschied. Bei Tinas übervorsorglicher Mutter wäre das eine Flucht vom Regen in die Traufe gewesen.

Konzentriert ging sie die sonstigen Plätze durch, die irgendwie Privatsphäre boten. Aber die konnte sie alle abhaken, denn dort lief Tina Gefahr, irgendwem zu begegnen.
Und nach der Enthüllung von gerade, würde Tomas vermutlich nicht zögern, das Video allen Bekannten zu schicken. Also war die Stadt für Tina wie ein Minenfeld.
Außer sie würde sich auf den Weg zu ihrer geheimnisvollen Freundin aus dem Video machen…

Carina keuchte bei dem Stich, den ihr dieser Gedanke versetzte. Die Vorstellung, ihre beste Freundin würde in die Arme einer anderen flüchten war… schrecklich.
Sicherlich war sie selbst auch verletzt, weil sie nicht eingeweiht worden war. Aber trotzdem musste Tina doch wissen, dass ihre allerbeste Freundin sie niemals im Stich…
Das war es!

So überraschend, dass ein vorbeilaufender Lehrer den Stapel Papier auf einem Arm fallen ließ, machte sie einen Satz und stürmte los. Sie blickte nicht einmal zurück, als in mahnendem Ton ihr Name gerufen wurde.
Es gab einen Ort, an den sich niemand aus der Oberprima freiwillig begab. Niemand. Nicht einmal Tina. Nur Carina, die sich dort einfach wohlfühlte.
Wenn ihre Freundin vor allen auf der Flucht war, aber auch nur vage darauf hoffte, von ihrer besten Freundin gefunden zu werden, dann war sie todsicher exakt dort.

Als die Achtzehnjährige ihr Ziel erreichte, musste sie sich allerdings eingestehen, dass die Suche ein wenig schwierig werden mochte.
Das Gymnasium hatte Zugriff auf eine gigantische Bibliothek direkt im Nachbargebäude. Es war zugleich die Stadtbücherei und der Studienort für eine Hochschule und eine Universität. Und eine Art Museum obendrein.
Weitläufig und aufgrund des historischen Gebäudes sehr verwinkelt konnte man sich fast in den Gängen verlaufen.

Carina suchte eine knappe Stunde lang zunehmend mutlos nach ihrer Freundin. Es bestand ja immerhin die Möglichkeit, dass die gar nicht hier war.
Erst dann passierte etwas, was ihr die zündende Idee einbrachte. Und es war nichts anderes als ein klingelndes Handy.

Natürlich waren laute Klingeltöne in der Bibliothek verboten. Aber niemand interessierte sich wirklich dafür, wenn es nicht überhandnahm. Und Tina dachte vermutlich gar nicht groß daran. Falls sie nicht von verächtlichen SMS und Anrufen anderer Schüler bereits so genervt worden war, dass sie ihr Handy abschaltete.
Carina hoffte auf das Beste und drückte, ohne hinzusehen, in ihrer Tasche die Tastenkombination, die sie in- und auswendig kannte.
Und tatsächlich hörte sie in der Ferne - ganz gedämpft - die vertraute Melodie von Carly Rae Jepsens Überraschungshit des Jahres.
Wie ein Bluthund auf der Spur eines Verbrechers schoss sie davon.

*****

Tina war am Ende. Sie konnte nichts anderes mehr tun, als zu heulen.
Wie ein Scherbenhaufen lag ihr Leben vor ihr. Alle Zukunftspläne zerschmettert. Und das alles nur wegen einer Dummheit.
Nein… Wegen eines Dummkopfes!

Tina versuchte, ihren Ausrutscher mit der Frau zu bereuen. Aber das schaffte sie nicht. Dafür war die Erinnerung zu… schön.
Und sie hatte ja auch nicht mehr getan, als ihr sogenannter Freund. Sie hatte nicht mehr getan, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wieso war sie nun auf einmal die Böse?

Dass sie es war, zeigten die verschiedenen SMS, die sie im Verlauf einer Stunde bekommen hatte. Jeder, der ihre Handynummer kannte, schien informiert zu sein. Und jeder musste ihr unbedingt mitteilen, was für eine Schlampe sie doch sei.
Sie hatte sich nur die ersten Nachrichten angesehen. Aber das Handy wollte gar nicht mehr aufhören, Signaltöne von sich zu geben. Bis sie die Benachrichtigung für Textnachrichten abstellte.
Aber dann fand sie sich in der Stille der Bücherei wieder und es gab nichts mehr, was sie ablenken konnte. Es gab nur noch die hässliche Zukunft und sie.

Tina wusste, wie ihre Mutter reagieren würde, wenn sie von der Sache Wind bekam. Jungs waren schon ein Grund für stundenlange Streits mit viel Geschrei. Obwohl sie volljährig war, behandelte ihre Mutter sie in dieser Hinsicht wie ein Kleinkind.
Wenn nun auch noch Frauen dazu kamen, würde sich Tina vermutlich in irgendeinem Internat wiederfinden. Irgendwo, wo es legal war, Töchter bis zu ihrem Lebensende einzusperren. Oder wenigstens, bis sie einundzwanzig waren. Oder so…
Aber wenigstens würde ihr das dann ersparen, mit ihren ehemaligen Freundinnen zusammen zu studieren. Also war es vielleicht sogar ein Lichtblick.

Die Vorstellung, die nächsten Jahre immer zu ahnen, was hinter ihrem Rücken getratscht wurde, war jedenfalls der blanke Horror. Sie konnte es hören, als wäre es schon soweit…
„Das? Ach das ist die Schlampe, die ihren Freund mit einer Lesbe betrogen hat. Ist jetzt selbst lesbisch. Tragisch…“

„Bin ich lesbisch?“, fragte sie sich in ihrer Verzweiflung.
„Keine Ahnung“, antwortete die Stimme von Carina. „Bist du?“

Tina zuckte gehörig zusammen und schaffte es dank des Schreckens sogar, ihre Weinkrämpfe kurz hinter sich zu lassen. Durch den Tränenschleier sah sie ihre beste Freundin - oder ehemals beste Freundin? - den schmalen Gang entlangkommen, der zu ihrem Versteck führte.
Natürlich fand Carina sie. Das hier war eines ihrer Leseverstecke. Hinter einem schweren Bücherregal war der kleine Raum mit nicht mehr als einer Handvoll Quadratmeter vergessen worden. Hier hatte man alle Ruhe, die man sich wünschen konnte.
Aber… Wollte sie nicht auch gefunden werden, indem sie hierher floh?

„Hasst du mich jetzt?“, fragte sie. Es klang schrecklich erbärmlich.
„Bis gerade schon ein kleines bisschen“, antwortete Carine nun viel näher und schniefte. „Aber jetzt kann ich nicht mehr.“
Dann nahm sie ihre Freundin in die Arme und Tina ließ zu, dass ihr die Tränen wieder ausbrachen. Sie klammerte sich voller Verzweiflung an den wahrscheinlich einzigen Menschen, der noch zu ihr stand, und ließ alles heraus.

Eine gute halbe Stunde später hatte sie sich wieder etwas besser im Griff. Noch immer niedergeschlagen, aber nicht mehr akut suizidgefährdet, saß sie Carina gegenüber und stand ihr Rede und Antwort.
Das war das Mindeste, was sie für ihre einzige Freundin tun konnte.

„Also? Warum hast du es mir nicht erzählt?“, kam die naheliegende Frage zuerst.
„Ich wollte…“, antwortete sie kleinlaut. „Ich schwörs!“
„Aber?“
„Naja… Erinnerst du dich, als ich am Sonntag anrief?“
„Klar. Du wolltest frühstücken, aber ich war hundemüde, weil…“
Carina stockte und ihre Kinnlade klappte nach unten. Tina setzte ihren Satz fort.
„Weil die blöde Leckschwester in der Wohnung über euch es die ganze Nacht mit einer Neuen getrieben hat, die sich vor Begeisterung gar nicht mehr eingekriegt hat“, zitierte sie Carinas Worte ziemlich genau.

Carina sah aus, als hätte man ihr gerade den Beweis für außerirdisches Leben auf ihrem Zimmerkaktus vorgelegt.
„D-das warst…?“, stammelte sie schockiert.
Tina blickte zu Boden und fühlte, wie sie knallrot wurde.
„Das war ich…“, flüsterte sie und nickte.
„Oh mein… Gott…“, japste ihre Freundin. „Wie… Wie konnte das passieren?“

Trotz ihrer Niedergeschlagenheit und Verzweiflung - und trotz ihrer grenzenlosen Scham - musste Tina lächeln.
Allein die Erinnerungen an diese Nacht und die Freundschaft von Carina machten ihr Leben noch lebenswert.

„Willst du das wirklich wissen?“, flüsterte sie vorsichtig.
„Worauf du einen lassen kannst!“

*****

Tina war stinksauer. So hatte sie sich ihren Abend in der Disko ganz bestimmt nicht vorgestellt.
Nicht nur, dass Carina auf ihre kleine Schwester raufpassen musste und nicht dabei sein konnte. Nein. Sie musste auch noch ausgerechnet an diesem Abend erfahren, wie wenig ihr Freund Thomas von Treue hielt. Ganz fantastisch!

Wäre es nicht so schmerzhaft gewesen, wäre es schon fast komisch. Er war wirklich so dämlich, in aller Öffentlichkeit vor seinen Freunden damit zu prahlen wie er sie mittlerweile fünf Mal betrogen hatte. In allen Einzelheiten.
Und einige dieser Einzelheiten deckten sich ganz gut mit kleinen Ungereimtheiten, auf die sie zuvor nichts gegeben hatte. Ebenso wie mit ein paar vorsichtigen Verdächtigungen, die Carina hier und da von sich gegeben hatte.

„Dieser Scheißkerl!“, fluchte sie laut und stampfte mit dem Fuß auf.
„Das sind sie alle“, antwortete eine sanfte Frauenstimme von der Seite.

Tina zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass eine Frau sich neben ihr an die Säule lehnte.
Ein wenig misstrauisch hob sie den Kopf weit genug, um aus der Deckung ihres herabhängenden Haars einen Blick zu riskieren. Aber die Heimlichkeit hätte sie sich sparen können, denn die Fremde hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen.
Staunend betrachtete sie die Frau, die offenbar von der Tanzfläche kam.

Sie war eindeutig schon älter. Vielleicht schon Ende zwanzig. Und sie hatte eine Aura der Selbstsicherheit, um die Tina sie sofort beneidete.
Die Fremde hatte schwarze Haare und einen südländischen Touch. Sie trug ein unwahrscheinlich tief dekolletiertes, rückenfreies Kleid in Schwarz und hohe, gleichfarbige Stiefel. Beides ganz eindeutig nicht von der Stange, sondern eher aus direkt aus der Kollektion eines Modedesigners.
Mit einem Anflug von Neid bemerkte Tina, wie unwahrscheinlich gepflegt und verführerisch diese Person auch verschwitzt noch aussah. Ihr Makeup war offensichtlich beste Qualität und zeigte keine Ermüdungserscheinungen. Oder trug sie keines…?
Nein. Diese Augenpartie war unmöglich natürlich.

Perfekte Wimpern. Wunderschön geschwungene Augenbrauen. Fantastische Locken, die selbst offen optimal lagen. Und dazu ein Traumkörper, den sie wie selbstverständlich zur Schau stellte.
Obwohl offensichtlich war, dass sie keine Unterwäsche trug, war an ihr nichts billig. Gäbe es bebilderte Wörterbücher, wäre ihre Abbildung neben dem Begriff ‚Klasse haben‘ gewesen.
So eine Frau würde Thomas ganz sicher nicht betrügen.

„Tapp nicht in diese Falle, Süße“, sagte die Frau und lächelte.
Tina hatte nicht bemerkt, wie sie sich ihr zugewandt hatte. Hatte sie erkannt, wie die Schülerin gestarrt hatte? Wie peinlich!
Moment… Hatte sie etwa laut gedacht?
Erschrocken hob sie den Kopf.

Die Frau lächelte ein wenig, als sie Tinas offensichtlichen Schrecken sah.
„Du hast nicht laut gedacht, falls du dich das fragst“, sagte sie. „Aber du hast uns beide vergleichen, nicht wahr?“
Tina schluckte trocken und nickte.
„Und du hast dir gedacht, dass er sich mit mir keinen Blödsinn erlauben würde.“
Auch wenn es keine Frage war, nickte sie ganz automatisch erneut.
„Siehst du? In diese Falle sollst du nicht tappen. Nicht du bist schuld, sondern er.“

„Aber…“, wollte Tina widersprechen.
Die Frau drehte sich an der Säule und wandte sich ihr zu. Ihr Finger legte sich auf die Lippen der Schülerin.
„Du bist perfekt so, wie du bist, Süße. Wenn er zu dumm ist, zu erkennen, was er an dir hat, ist das sein Pech. Dutzende von Männern und so einige Frauen stehen bereits Schlange, um seinen Platz einzunehmen.“
Der Blick aus den dunklen Augen - die gut als Vorzeigebeispiel für ‚Smokey Eyes‘ geeignet waren - ging Tina durch und durch. Sie verlor völlig den Faden ihrer Argumentation und konnte so oft schlucken, wie sie wollte - ihre Kehle blieb trocken.

„Frauen?“, piepste sie und klang wie ein Kleinkind dabei.
„Natürlich, Süße“, erwiderte die andere. „Für eine Schönheit wie dich würde ich schon über ein paar Leichen gehen.“
„Aber… Ich bin doch gar nicht…“, plapperte Tina völlig irritiert drauf los.
„Lesbisch?“
Sie nickte.
„Na und?“

In diesem Moment legte der DJ das Lied von Katy Perry auf und die Fremde lächelte. Ihr Blick sagte so etwas wie: ‚Siehst du?‘
Wieder musste Tina hart schlucken. Ihre Beine schienen plötzlich aus Wackelpudding zu bestehen. Und in ihrem Bauch kündigte sich entweder gerade ihre Regel an oder ein Bienenschwarm feierte eine Party.
I kissed a girl just to try it“, trällerte es aus den Boxen. Hope my boyfriend don’t mind it.“
An dieser Textstelle blieb sie für einen Moment hängen und musste daran denken, was Thomas sich alles herausgenommen hatte.
„Mein Boyfriend kann mich mal“, rutschte es ihr raus.

Die andere Frau lächelte. Aber es war ein anderes Lächeln als zuvor.
Ihre Augen verengten sich ganz leicht und ein Glitzern lag darin. Sie näherte sich, ohne sich zu nähern. Auf einer anderen Bewusstseinsebene war sich Tina vage im Klaren darüber, dass in Wahrheit sie ihren Kopf eine Winzigkeit neigte. Dass sie die Einladung aussprach. So als wäre sie mit einem Jungen unterwegs und… wollte geküsst werden.
Nur dass der Junge eine wunderschöne Frau war, die jeden Mann… oder auch jede Frau haben konnte. Und die sich trotzdem für die kleine Tina entschieden hatte.
Heilige Scheiße fühlte sich das gut an!

Als die Frau sich langsam zu ihr neigte, konnte Tina die Augen nicht offenhalten. Sie wusste nicht, dass sie in diesem Moment bereits gefilmt wurde. Sie wusste nur, dass sie sich nach nichts mehr sehnte, als nach der Berührung der Lippen dieser Fremden.
Tausend Sinneseindrücke bombardierten ihr Gehirn. Der Duft eines teuren Parfüms, auf dessen Namen sie nicht kam. Die Vibrationen der Bässe in ihrem Körper. Das unglaubliche Prickeln ihrer Haut unter den Fingern, die sich mit ihren verschränkten.
Als es passierte, musste sie einfach seufzen. Es fühlte sich so völlig anders an. So ganz, ganz, ganz und gar anders…

*****

Carina hörte gebannt zu und in ihren Ohren rauschte das Blut. Tina hatte sie mit ihrer Schilderung mitgenommen. Es war, als hätte sie danebengestanden. Als wäre sie selbst in der Situation gewesen.
Ein Teil von ihr krümmte sich leidend wegen der rückhaltlosen Bewunderung, mit der ihre Freundin von der Frau sprach, die sie als ihre Nachbarin nur vom Sehen her kannte. Das ‚Flittchen‘, wie ihre Mutter sie nannte.
War ihre beste Freundin nun verliebt?

„Dieser Kuss war so umwerfend“, beschrieb die verträumt weiter. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie weich es am Anfang war. Kein Drängen. Keine Hast. Nur Genuss.
Und trotzdem kam sie mir immer näher. Küsste mich immer intensiver. Öffnete mit ihrer Zungenspitze meinen Mund und tastete sich dann ganz langsam vor.
Noch nie habe ich jeden Augenblick eines Kusses so intensiv erlebt. Völlig ohne Zeitgefühl. Wie in Watte gepackt und nur noch aus Lippen und Zunge bestehend.“

Tina hielt kurz inne und leckte sich leicht über die Lippen. Sie blickte an die Decke und war völlig in ihren Erinnerungen versunken. So tief, dass sie nicht einmal bemerkte, wie ihre Hand sich in ihren Schoß verirrt hatte.
Es war eine völlig beiläufige Geste. Nichts, was selbst eine Frau sofort hätte deuten können. Aber Carina kannte ihre Freundin seit vielen Jahren. Sie wusste, dass die genau das tat, wenn sie lustvolle Gedanken hatte.
„Hat es dich erregt?“, fragte sie, ohne es wirklich zu wollen. Es war wie ein Zwang.

„Oh, Rina“, seufzte Tina verträumt. „Ich kann dir gar nicht beschreiben, wie sehr. Und wie anders als sonst.
Manchmal beim Fummeln mit Jungs war ich ein wenig heiß. Aber selbst mit Thomas brauchte ich auch nach dem Ausziehen noch eine ganze Weile, bevor ich bereit war.
Aber mit Terry… Bei ihr… Sie hätte… mich vor allen Anwesenden ausziehen können und ich hätte es nicht einmal gemerkt.“

„Liebst du sie?“
Diese Frage riss Tina aus ihrer Schwärmerei. Oder vielleicht war es eher der Tonfall, denn ohne es zu wollen, hatte Carina richtig sauer geklungen.
Ihre Freundin sah sie an. Lange und durchdringend. Sie wirkte sorgenvoll, aber auch irgendwie gefasst.
„Würde es etwas ändern, wenn ich Frauen lieben würde?“

Carina schluckte und wich dem Blick schließlich aus.
Natürlich würde es etwas ändern. Vor allem, wenn ihre Freundin und ihre Nachbarin ein Paar würden. Aber würde sie Tina deswegen ihre Freundschaft entziehen?
„Nein“, sagte sie leise. „Es gefällt mir nicht, aber ich bin deine Freundin. Auch wenn du mit dieser Frau…“

„Ich liebe sie nicht“, unterbrach Tina. „Ich bewundere sie. Ich bin ihr unendlich dankbar. Und ich will nicht ausschließen, dass wir uns noch einmal treffen. Aber wir haben darüber gesprochen. Sehr lange…“
„Wie…?“, krächzte Carina und räusperte sich schnell. „Wie kannst du dir sicher sein?“
„Ich… bin es einfach. Sie hat mir gezeigt, wie großartig das ist, was ich fühlen kann. Aber was mich an ihr anzieht, ist so... körperlich. Fast verstehe ich die Jungs. Es ist so gar nicht emotional.“ Tina lachte auf. „Ich mag sie. Und ich mochte Thomas. Aber Liebe fühle ich nur für…“
Tina verstummte erst, als sie beide schon wussten, was sie sagen wollte.

Carina schluckte schwer. War das ein Geständnis? Oder wäre es nur eine unglückliche Formulierung geworden.
Es war besser, diese Frage nicht zu stellen. Ihrer beider Freundschaft erlebte so schon eine Zerreißprobe.

„Also bist du jetzt lesbisch“, stellte die Achtzehnjährige fest und versuchte, es locker und lustig klingen zu lassen.
„Terry meint, ich sei eher bi.“
„Wie?“
„Naja… An Männern und Frauen interessiert.“
„Ich weiß, was ‚bi‘ bedeutet“, ärgerte sich Carina. „Aber wie kommt sie darauf?“
„Sie hat ein Auge für sowas, sagt sie“, lautete die Antwort. „Und ich glaube, sie hat recht. Ich finde Jungs noch immer anziehend. Nur eben… anders…“
„Obwohl dein Erlebnis mit… einer Frau so viel besser war?“, hakte sie zögerlich nach.
„Terry meint, das läge vermutlich nicht nur daran, dass sie so gut ist, sondern auch daran, das Thomas so schlecht war.“

Obwohl Carina so langsam nichts mehr davon hören wollte, was Terry sagte, meinte und dachte, musste sie doch über diese Worte lachen. Und Tina stimmte ein. Es war befreiend. Und es tat gut.

*****

Weit mehr als stundenlanges Nachdenken am Sonntag und Montag hatte das etwas verkrampfte Gespräch mit ihrer Freundin Tinas Gedanken geordnet. Die Verwirrung hatte sich aufgestaut, bis ihr fast der Schädel geplatzt war und dann war die Katastrophe im Klassenraum über sie hereingebrochen.
Und nun war plötzlich alles wie weggewischt. Dank Carina.
Fast glücklich saß sie neben ihr und lehnte sich an ihre Schulter. Der Rest der Welt sollte ihr halt den Buckel runterrutschen.

„Du bist die beste Freundin, die sich ein Mensch nur wünschen kann“, seufzte sie.
„Du bist auch nicht so schlecht“, bekam sie zur Antwort. „Ich kann nicht fassen, dass du ernsthaft das Flittchen gebumst hast…“
Tina konnte es nicht unterdrücken. Sie prustete los.
„Was?“, empörte sich Carina.
„Ge… Ge… Ge-bumst?“, brachte sie vor Lachen kaum heraus.
Carina wurde ein wenig rot und zog den Kopf etwas zwischen die Schultern.
„Weiß ich doch nicht, wie man das bei Frauen nennt…“, schnaubte sie verlegen.

Tina riss sich zusammen. Sie wollte ihre Freundin nicht auslachen. Auf gar keinen Fall.
„Ich würde es eher Reiben nennen“, meinte sie und fühlte einen kleinen Schauer. „Es war ein ewiges, intensives aneinander Reiben. Mit allen Körperteilen.“
Carina schluckte hörbar.
„Und Lecken spielte eine große Rolle…“
Noch ein lautes Schlucken von ihrer Freundin.
„Stört es dich, wenn ich darüber rede?“

Die Antwort ließ einen Moment auf sich warten. Aber es gab ein Zittern in Carinas Schulter. Sie war angespannt.
„Das nicht“, wich sie aus.
„Aber…?“
„Es ist Terry“, gestand sie dann. „Ich bin… ich mag nicht, wie du…“
„Du bist eifersüchtig!“, platzte es aus Tina heraus und sie richtete sich ganz auf, um ihre Freundin anzusehen.
Die wurde knallrot im Gesicht und wich sofort jedem Blickkontakt aus.
„Du hast Angst, dass sie sich zwischen uns drängt“, fuhr Tina sanfter fort.
Nun nickte Carina leicht.

Vorsichtig legte Tina ihr die Hand an die Wange und hob ihr Gesicht etwas an.
„Ich sagte dir schon, dass ich sie nicht liebe.“
„Aber…“, widersprach ihre Freundin kläglich, „irgendwann wirst du eine andere lieben…“

Unter Tinas blonden Locken fiel ein Mosaik auseinander, als sie in die grünen Augen ihrer Freundin blickte. Das Puzzle ihres bisherigen Lebens löste sich auf und setzte sich neu zusammen. Unverändert, bis auf die Teile, die zu Carina gehörten.
Keine achtundvierzig Stunden zuvor hatte sie vage gehofft, in den Augen von Terry zu finden, was sie nun überdeutlich vor sich sah. Und es war schon immer dagewesen.
Sie hatte es nur nie verstanden. Hatte nie zuvor in den Augen einer Frau danach gesucht.

„Mein Herz ist bereits vergeben“, flüsterte sie mit einem großen Kloß im Hals.
Die Mischung aus wilder Hoffnung und blanker Panik in Carinas Augen brachte ihr Herz zum Rasen. Die unausgesprochene Frage dahinter verdiente nur eine Antwort.
Sich langsam vorbeugend gab sie ihr diese mit ihren Lippen. Ohne Worte.

Es war nicht das erste Mal, dass Tina und Carina sich küssten. Sie hatten miteinander geübt, als sie gerade erst in die Pubertät gekommen waren. Um auf alles vorbereitet zu sein.
Aber diesmal war es anders. Und es war auch anders, als der Kuss in der Disko.
Als Tina sachte die Lippen ihrer besten Freundin berührte, erfüllte sie damit eine lang gehegte Sehnsucht. Und Carina hatte nicht die Kraft, ihr das zu verheimlichen. Sie reagierte mit einer Mischung aus Schluchzen und Wimmern, die mehr als tausend Worte preisgab.

Aus dem sachten Streicheln der Lippen wurde in Gedankenschnelle ein leidenschaftlicher Kuss. Carina reckte sich ihr ohne Zögern entgegen und zeigte nichts von der Scheu, die sie sonst überall an den Tag legte. Sie streifte ihre Zurückhaltung ab, wie eine alte Weste.
Terry mochte eine erfahrene Liebhaberin gewesen sein, aber Carina war eine Liebende. Der Unterschied war gewaltig.

Noch einmal erlebte Tina, wie unterschiedlich Frauen küssten, wenn man sie mit Männern verglich. Die Jungs waren zielstrebig darauf aus, mit ihrer Zunge jeden Widerstand im Keim zu ersticken. Zu erobern. Mit Carina war es völlig anders.
Ihre Zungenspitzen spielten miteinander und sie genossen beide jede einzelne Berührung der Lippen. Aber es gab nicht den Druck, den Kuss so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Immer wieder und wieder vereinigten sie sich und trennten sich kurz.
Atemberaubend und leidenschaftlich, aber ohne Hektik und Eile.

Und so wie der Kuss war auch die Umarmung, in die sie wie von selbst glitten. Nicht besitzergreifend hart und kraftvoll sondern tastend, suchend, spielerisch leicht… Und besitzergreifend. Aber auf sanfte Weise.
Zärtliche Finger glitten über Rücken, Seiten, Po und Beine. Niemals anhaltend. Und niemals drängend. Bis Tina das Gefühl hatte, unter Strom zu stehen und jede einzelne Pore ihrer Haut für sich genommen spüren zu können.

Sie fühlte die Hitze aufsteigen. Nicht im Schoß, sondern im ganzen Körper. Carinas Finger hinterließen Flächenbrände. Und der ging es ebenso. Das zeigte sie ihrer Freundin so offen, wie eine Frau sich einem Jungen gegenüber niemals geben konnte.
Sie bog sich ihren Berührungen entgegen, zitterte, wimmerte und keuchte. Und trotzdem konnte sie sich schließlich losreißen.
„Wenn ich an Samstagnacht denke, sollten wir woanders hingehen“, wisperte sie heiser.

Gemeinsam kicherten sie über Carinas Worte. Und gleichzeitig versicherten sie sich mit Blicken, dass sie die Geräusche jener Nacht zum Verblassen bringen würden.
„Komm“, sagte Tina und nahm die Hand ihrer Freundin. „Ich weiß, wohin wir gehen.“
Gemeinsam standen sie auf, nahmen ihre Sachen und schoben sich aus dem Versteck. Und dabei fing Carina leise an zu singen:
„I kissed a girl. And I liked it!“



Samstag, 21. Juli 2012

Soulmates - Teil 05

Soulmates
Eine Westside-Story - irgendwie...
© 2012-2015 Coyote/Kojote/Mike Stone

*****

Teil 01
Teil 02
Teil 03
Teil 04
Teil 05
Teil 06
Teil 07

*****


V. - One in a million

You're one in a million.
You're once in a lifetime.
You made me discover one of the stars above us.

Bosson - One In A Million (2000)


Man konnte über Jo alles Mögliche sagen, aber eine Barbie war sie nicht. Sie sah so aus und konnte sich wie eine verhalten, aber im Vergleich zu ihr war eine Jocasta so vielschichtig, wie Klebefurnier aus dem Bastelbedarf.
In den ersten drei Stunden, die ich allein mit ihr verbrachte, lernte ich eine ganze Reihe ihrer Schichten kennen. Es war wie bei einer Zwiebel. Unter jeder Ebene befand sich nur noch eine weitere und noch längst nicht der Kern.
Und von der Schärfe her passte der Vergleich auch.

Da war die elegante, selbstbewusste Schickse, die ich mir ohne große Schwierigkeiten neben einer Sulola Klum oder einer Shiloh Jolie-Pitt auf dem roten Teppich vorstellen konnte. Und da war die intelligente, treffsichere Diskussionsteilnehmerin, die es vielleicht sogar schaffte, mit einem der Jungs aus dem Schachklub ein ernsthaftes Gespräch zu führen und mit Hirn zu punkten - natürlich mit einem Bonus für Brüste.
Aber es gab auch die ‚Jo von nebenan‘, die man sich hervorragend bei der Gartenarbeit in der Vorstadt vorstellen konnte. Oder eben beim Saubermachen und Aufpolieren eines völlig heruntergekommenen Autos. Oder die kumpelhafte Jo, die einem Fragen über die eigene Vergangenheit stellte, bis man viel mehr erzählt hatte, als man eigentlich wollte.

In diesen drei Stunden mit ihr fand ich heraus, dass ich Jo nicht nur geil fand, sondern sie auch einfach mochte. Und wenn ich ihr den Rücken zudrehte, war es manchmal für einen Sekundenbruchteil möglich, sich vorzustellen, dass wir einfach Kumpel sein mochten.
So von der Sorte, wie ich echt einen gebrauchen konnte…

Als wir den Wagen letztendlich soweit grundgereinigt hatten, dass die nächste Stunde kommen konnte, sahen wir beide aus wie Kanalarbeiter. Aber ich erkannte in ihren Augen auch den Stolz auf die verrichtete Arbeit.
Sie leistete mir Gesellschaft, während ich die Halle abschloss und wir schlenderten gemeinsam über den Schulhof, bis sich unsere Wege eindeutig trennen mussten. Und dabei bemühte sich Mutter Natur darum, mit einem wundervollen Farbenspiel zum Sonnenuntergang alle Klischees zu erfüllen, die man sich in der Situation nur wünschen konnte.

Beinahe hätte ich ihre Hand ergriffen, als sie zufällig meine berührte. Beinahe hätte ich mich darauf eingelassen, für ein paar Minuten einfach das dumme Spiel von der magischen Hollywood-Romanze zu spielen. Und ich glaube, für den Augenblick hätte sie es sogar mitgespielt.
Aber ich konnte mich zurückhalten und es kostete mich auch nicht halb so viel Kraft, wie keine Dummheiten zu machen, als sie sich mir zuwandte und sich von mir verabschiedete. Und dabei wirklich jedes beschissene Register zog, dass jemals in einem Film aufgebracht wurde. Aber wahrscheinlich sogar ohne sich dessen bewusst zu sein, wie ich zu ihrer Verteidigung vorbringen will.

Dort, wo ich zu meiner Kellerbude unter dem Verwaltungsgebäude abbiegen musste, blieben wir stehen und sie sah mir lange in die Augen. Sie riss den Blick mehrmals los, um gleich darauf zurückzukehren und sie setzte mehrmals dazu an, zu sprechen.
Und ich war ein Abbild an Coolness, weil ich überhaut nicht in der Lage war, Sprachsignale von meinem Hirn bis zum Mund zu transportieren.

„Ich… geh dann mal heim?“, meinte sie schließlich.
Und zwar ganz klar inklusive des überdeutlichen Fragezeichens am Ende.
„Ja…“, schaffte ich eloquent zu kontern.
„Ist schon ziemlich spät…“, versuchte sie es nach einer kleinen Pause noch einmal.
„Ja…“, wandelte ich meine Taktik geschickt um.
„Also dann…?“

Als ich nichts antwortete, drehte sie sich tatsächlich halb um. Und natürlich wurde in dem Moment der Impuls übermächtig, doch was ich eigentlich sagen wollte, war einfach unmöglich auszusprechen.
„Es…“, setzte ich an und sie hielt inne und blickte erwartungsvoll zurück zu mir. „Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, mit dir zusammenzuarbeiten“, war dann das, was dabei herauskam.
Durch ihre Augen zuckte Enttäuschung, bevor sie den Faden aufgriff und ein leichtes Lächeln zur Antwort produzierte.
„Ja“, antworteten ihr Mund und ihre Augen dann einstimmig. „Hat es wirklich.“

Sie ging dann und ich wusste genau, was ich hätte sagen müssen, um sie nun in meinen Armen zu halten, anstatt ihrem süßen Po dabei zuzusehen, wie er in die Abenddämmerung verschwand.
Und ich wusste auch, weswegen ich es nicht gesagt hatte. Ich kannte meinen Platz.
Aber… Leck mich am Arsch…
Ich wünschte mir, ich hätte drauf geschissen!

Glücklicherweise schaffte mein Metabolismus es dann irgendwann doch noch, mir die gehörige Portion Romanzen-Weichei wieder aus dem System zu spülen. Ich konnte durchatmen, mit den Schultern zucken und akzeptieren, dass ich ein Idiot war und trotzdem das Richtige getan hatte.
Ich konnte mich umdrehen und mich auf den Weg in mein schickes Ein-Zimmer-Apartment mit Gefängniszellen-Charme machen. Und ich konnte mir eine Zigarette anzünden. Zeugen für diese Verfehlung musste ich um die Uhrzeit ja zum Glück nicht mehr befürchten.

Hätte ich es nicht getan, wäre vielleicht einiges anders gelaufen. Was wieder einmal ein Beleg dafür war, dass Rauchen eindeutig die Gesundheit gefährdet. Wenn auch nicht in dem Sinn, den dieser Spruch eigentlich nahelegt.
Hätte ich nicht gerade langsam gehend mit der Hand die Flamme meines Feuerzeugs abgeschirmt, als ich um die Ecke des Gebäudes bog, dann hätte ich vielleicht etwas kommen sehen. Ich hätte vielleicht reagieren können und alles wäre irgendwie anders gekommen.
Aber wer kann schon sagen, ob das nun besser oder schlechter gewesen wäre…

So war ich jedenfalls abgelenkt und checkte ein paar Augenblicke zu spät, was da auf mich zukam.
Der Knüppel von vorne knallte mir meine erhobene Hand direkt ins Gesicht und bewahrte mich davor, mit einer gebrochenen Nase zu enden. Was meiner Hand allerdings herzlich wenig brachte, denn die war nun schlimmstenfalls verstaucht.
Das wurde allerdings zur Nebensächlichkeit, weil ein anderer Knüppel vor meinem Bein mich zum Stolpern brachte und ich mich ganz auf die Frage konzentrieren musste, ob ich mich mit der schon schmerzenden Hand abfangen sollte, oder lieber nicht.
Der daraus entstehende Versuch, es so halb mit dem Unterarm zu tun, kam dann auf die Liste von Ideen, die ich nicht wiederholen musste. Er brachte einfach nur noch mehr Schmerzen an Stellen, die eigentlich nicht hätten sein müssen.

Auf dem Boden mit dem Gesicht im Dreck konnte ich mich dann endlich der Frage zuwenden, was zum Henker eigentlich los war. Die Antwort bekam ich netterweise aus dem Dunkeln.
„Lass die Finger von unseren Mädchen, Müllmann“, zischte eine männliche Stimme.
Nein Halt… Es war schon noch mehr eine Jungenstimme und auch ohne die Wortwahl wäre ich ohne Probleme auf Bradley gekommen - neuerdings Freund meiner herzallerliebsten Jocasta.
Um Zeit zu gewinnen und weil ich mit geöffnetem Mund doch wohl eher vor Schmerz gestöhnt hätte, grunzte ich nur. Am Abspulen des ohne jeden Zweifel stundenlang vor einem Spiegel einstudierten Textes der mindestens zwei, eher aber drei bis vier Arschlöcher änderte das sowieso nichts.

„Wie es aussieht, hat er die Botschaft noch nicht richtig verstanden“, knurrte Bradley.
„Wahrscheinlich müssen wir sie ihm deutlicher machen“, freute sich ein anderer. Kevin wahrscheinlich. Denn wo Brads Arschloch war, da war Kevin nicht weit, sondern meistens nur noch mit den Füßen zu sehen.
„Wir müssen sie ihm stenographieren“, schnauzte der Dritte im Bunde.
Beinahe hätte ich gelacht. Der war nicht nur neu, sondern auch so dämlich, dass ich nicht raten musste, wer da gesprochen hatte. Ohne reiche Eltern wäre der gute Norman niemals noch auf dieser Schule gewesen. Und selbst so lagen seine Noten nur einen Punkt über der Mindestmarke.

Die kurze Diskussion darüber, dass eigentlich ‚Tätowieren‘ gemeint gewesen war, gab mir Zeit zum Nachdenken. Einen Hinweis darauf, wie bescheuert es war, sich nicht auf den Gegner zu konzentrieren, auch wenn der am Boden lag, verkniff ich mir.
Die Jungs waren hier, um mir die längst überfällige Abreibung zu erteilen. Und es konnte kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet den Abend wählten, an dem ich mit Jo zusammen viel gelacht und Spaß gehabt hatte.
Eigentlich war es nicht verwunderlich, dass eine Frau wie Jo sie nun endlich diese Grenze überschreiten ließ. Und eigentlich war es nicht so fürchterlich gefährlich, selbst wenn ich meine schmerzende Hand mit einkalkulierte.

Schlägereien in einer dunklen Ecke waren nicht gerade die Spezialität der Deppen. Aber ich hatte ein paar Erfahrungen damit gesammelt. Also würde ich die drei oder vier Idioten ziemlich schnell davon überzeugen können, mich in Ruhe zu lassen.
Und dann würde Jocasta als ziemlich wahrscheinliche Drahtzieherin oder zumindest Mitwisserin dieser kleinen Zusammenkunft keine Sekunde zögern, mich beim Direktor anzuschwärzen, weil ich Mitschüler angegriffen hätte. Und ich wäre raus aus der ganzen Nummer mit dem Schulabschluss.
Ein einziger, blauer Fleck auf einem der zarten Alabasterkörper um mich herum würde wahrscheinlich ausreichen, selbst wenn ich derweil krankenhausreif geprügelt würde.

Dementsprechend tat ich… gar nichts.
Ich biss die Zähne zusammen und hoffte, dass keiner der Spinner sich in einen Rausch prügeln würde. Und ich erklärte mir eindringlich, dass ich in dem Fall wimmern würde, selbst wenn mein Stolz schon allein bei dem Gedanken daran kotzen wollte.

Erfreulicherweise beschränkten sich die Arschlöcher darauf, mich schön zusammenzutreten, anstatt ihre Knüppel einzusetzen. So konnte ich mich zusammenkrümmen und meine wertvolleren Körperregionen schützen.
Um ehrlich zu sein: Ich hatte schon Schlimmeres erlebt.
Außerdem war es dann plötzlich schneller vorbei, als ich erwartet hatte, denn mit einem Mal wurde Geschrei laut.

Da mir das Blut in den Ohren rauschte, musste ich erst einmal den Kopf wieder klar bekommen, bevor ich erfassen konnte, was passierte. Doch dann hörte ich Franks Bassstimme ziemlich aufgebracht hinter dem Geräusch weglaufender Füße her brüllen, dass ‚dies ein Nachspiel haben würde‘.
Und ich hörte Engelsgesang von schräg oben…
„Alles okay, Matt?“

Es war natürlich nicht Frank der Hausmeister, der sich über mich beugte, mir zärtlich die Hand auf die Schulter legte und mich besorgt aus himmelblauen Augen ansah.
Es war Jo. Und beinahe hätte ich mich hochgestemmt, um sie einfach zu küssen.
Ja… Adrenalin und so. Fast so schlimm wie zu viel Bier.

„Geht schon…“, grunzte ich und machte derweil eine Bestandsaufnahme.
Gebrochen fühlte sich nichts an, aber ich hatte einen Tritt in die Nieren und einen gegen den Kopf abbekommen, die mir noch ein paar Tage Freude bereiten würden.
Abgesehen von ziemlichen Kopfschmerzen und einer ziehenden Niere war ich also in ganz guter Verfassung. Aber davon wollte Jo ganz und gar nichts wissen.

„Helfen sie mir bitte, ihn zum Auto zu bringen“, kommandierte sie in Franks Richtung. „Ich bringe ihn zu mir nach Hause, und wenn meine Mutter glaubt, dass es notwendig ist, dann fahren wir ihn zum Krankenhaus.“
Wiebittewas?
Ich wollte protestieren, aber Jo nahm mir den Wind aus den Segeln, als sie mich noch einmal direkt anblickte und zu mir sagte: „Ich bestehe darauf.“

Naja… Vielleicht sagte sie es auch zu Frank, der irgendwas geantwortet hatte, aber es wirkte auf mich wie ein verkackter Zauberspruch.
Ich ließ mir also von ihr und ihm aufhelfen und wir erreichten ziemlich schnell Jos Auto. Das sich natürlich als Melodys Auto erwies, was aber nun wirklich keine große Rolle spielte. Dass die beiden die Wagen getauscht hatten, war sogar für die Reichen irgendwie nachvollziehbar.

Die kurze Fahrt - es war ein Fußweg von keinesfalls mehr als fünf Minuten - verbrachte ich damit, den Kopf klarzukriegen. Und ab und zu einen Seitenblick auf ein ziemlich entschlossenes Gesicht zu riskieren. Eine weitere von ihren Seiten, die ich noch nicht kannte.
Erst als wir an einer der schmucken Villen ankamen und sie den Wagen auf der Einfahrt parkte, wandte ich mich den wirklich drängenden Problemen zu.

„Deine Mom wird nicht begeistert sein.“
„Bin ich auch nicht“, gab sie knapp zurück.
„Warum bist du überhaupt zurückgekommen, nachdem wir uns verabschiedet hatten?“, brachte ich ohne allzu viele ‚ähms‘ zustande.
Die Art, wie sie mich daraufhin kurz ansah, dann zur Seite blickte und fast ein wenig rot wurde, ließ mir heiß und kalt werden.
Es war nichts, was man kommentierte. Oder auch nur weiterdachte, wenn man sich in meiner Position befand. Aber es war… whew!

Themawechsel. Auch zu meiner eigenen Sicherheit.
„Niemand wird begeistert sein“, erklärte ich. „Niemand will, dass ich Ärger verursache. Mich eingeschlossen.“
„Das dachte ich mir bereits“, antwortete sie und der entschlossene Zug war wieder da. „Deswegen werde auch ich den Ärger verursachen.“
„Wa… Was meinst du?“
Ich war irgendwie alarmiert. Und gleichzeitig auch irgendwie berührt. Nicht gut!
„Wirst du schon sehen“, beschied sie. „Vertrau mir…“
Sagte die Spinne zur Fliege… Hätte ich antworten können. Tat ich aber nicht. Absurderweise tat ich genau das, was sie sich erbeten hatte: Ich vertraute ihr.

Als Jo ausstieg, hörte ich sie zur geöffneten Haustür und der Silhouette einer Frau hinüberrufen.
„Estella, hilf mir bitte.“
Und Estella erwies sich nicht als ihre Mom, sondern als eine Latina in Jos Alter. Hausmädchen mit ziemlicher Sicherheit. Ja… Die Segnungen des Reichtums…
Tatsächlich brauchte ich aber nicht wirklich so richtig viel Hilfe und quälte mich selbst aus dem Wagen. Oder sagen wir: Ich wollte keine Hilfe brauchen, obwohl die Niere wirklich höllisch wehtat und mir schwindelig wurde.
Das Ende vom Lied war, dass mich dann doch zwei Frauen stützten, die zusammen vielleicht in etwa meine Gewichtsklasse hatten. Wie… männlich…

Von der Inneneinrichtung des Hauses bekam ich tatsächlich nicht viel mit, weil sich ein wenig die Welt um mich drehte. Eine Gehirnerschütterung vielleicht. Als hätte ich sowas gebrauchen können…
Was ich aber mitbekam, war der Auftritt von Mom, die schließlich in die Küche fegte, um sich nach dem Ursprung der Aufregung zu erkundigen. Und natürlich erfasste sie augenblicklich die Anwesenheit einer Kakerlake auf einem ihrer teuren Designerstühle.
Aber der Vulkanausbruch, der sich auf ihrem Gesicht ankündigte, blieb aus, als ich etwas erlebte, dass man ohne Scheiß nur einmal im Leben bezeugen kann. Wenn man Glück hat…

„Wer…?“, setzte die superelegante Schickse an, die gut auch Jocastas Mutter hätte sein können.
„Mom?“, schluchzte Jo.
Und ja. Ich meine tatsächlich ‚schluchzte‘. Wie in ‚mein liebstes Haustier ist gerade gestorben‘ oder ‚ich bin am Altar sitzen gelassen worden‘.
Jos Mutter wandte sich natürlich erst einmal dem Problem zu, dass noch ein klein wenig dringlicher war, als die Anwesenheit von Ungeziefer in ihrer Küche. Und ich tat das auch.

Wahrscheinlich gleichermaßen fassungslos, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, blickten wir eine Jo an, deren Gesicht sich zu einer Miene der Verzweiflung verzogen hatte und der die Tränen in Strömen über die Wangen liefen.
„Mom, ich habe Angst“, wimmerte sie und streckte hilfesuchend ihre Hand in Richtung ihrer Mutter aus.
Und da durfte ich dann einen Blick hinter eine Fassade werfen, den ich sonst nie erlebt hätte. Denn die Schickse wurde plötzlich zu einer Mutter, wie Jocasta ganz bestimmt keine hatte.
Sie mochte vielen Klischees entsprechen, aber sie hatte Melody und Jo zumindest zum Teil erzogen. Und wenn es darauf ankam, dann konnte sie offenbar darauf scheißen, dass Tränen sich nicht mit dem… wasauchimmer, aus dem ihre Bluse gemacht war, vertrugen.

„Was ist passiert, Baby?“, fragte sie, während sie ihre Tochter in den Arm nahm und ihr tröstend über das Haar streichelte.
Und sie fragte es ruhig und gefasst und eben nicht voreingenommen. Ich glaube, für den Moment vergaß sie meine Anwesenheit ein wenig.
Stockend und immer wieder von Schluchzern geschüttelt, erzählte Jo daraufhin eine Geschichte, bei der sich mir gleichzeitig die Nackenhaare sträubten und mir die Kinnlade herabfiel.

„Ich hab mit Matt hier noch Nacharbeiten in dieser Tuning-AG gemacht, von der ich dir erzählt habe. Der Lehrer hat uns die Sache anvertraut. Also eigentlich mehr Matt, als mir, aber ich durfte noch beim Reinigen helfen.
Und danach war Matt noch so nett, mich fast bis zum Wagen zu bringen, bevor er in sein Zimmer ging. Er ist nämlich mit einem Stipendium auf der Schule, musst du wissen. Er kommt nicht aus dem Viertel.
Aber im Auto ist mir eingefallen, dass ich mich gar nicht bei ihm bedankt habe. Also… Ich meine… Nicht für die Begleitung, sondern dafür, dass er einfach nett zu mir war, obwohl er allen Grund hätte, mir die kalte Schulter zu zeigen. Weil einfach alle an der Schule so mies mit ihm umgehen, obwohl er niemandem was getan hat und sich immer korrekt verhält.
Und dafür, dass ich einfach mit anpacken durfte, auch wenn er mich keine einzige, schwere Sache hat machen lassen und auch verhindern wollte, dass ich mich schmutzig mache.“

Sie unterbrach sich kurz und ihre Mutter sah zu mir hinüber. Was mir Gelegenheit gab zu erkennen, dass sie tatsächlich mit ihren Töchtern verwandt war, denn ihr Blick war so undeutbar, dass ich sofort an die eine oder andere Situation mit Mel oder Jo denken musste.
Aber dann hörte sie weiter ihrer Tochter zu und ignorierte mein ziemlich dämliches Gesicht.

„Jedenfalls bin ich dahin gelaufen, wo er ungefähr wohnen müsste und da habe ich gesehen, wie vier Arschlöcher auf ihn eingetreten haben. Und sie sind alle aus meiner Klasse!
Und der Hausmeister stand in der Nähe und hat sich einfach nicht getraut, sich einzumischen. Also hab ich ihn angeschrien und dann hab ich die Jungs angeschrien, bis sie endlich aufgehört haben und weggelaufen sind.
Und dann dachte ich mir, du musst dir Matt ansehen und schauen, ob er ins Krankenhaus muss, weil sie ihm auch gegen den Kopf getreten haben…
Und jetzt… Oh Mom… Ich hab Angst. Ich will nicht mehr auf diese Schule, wo die Typen so irre sind, dass sie einfach über jemanden herfallen, weil der sich mit mir gut versteht.
Das ist doch krank! Das sind doch Freaks!“

Der Baseballschläger, den ihre Aussage darstellte, kam diesmal sehr sachte und tippte mich sozusagen nur an die Schulter aus Rücksichtnahme auf meine Kopfschmerzen.
Der absolute Hammer an ihrer Geschichte war, dass sie von vorne bis hinten wahr sein mochte. Und ich war mir nicht einmal sicher, ob nicht auch ihre Tränen echt waren, auch wenn das nicht so ganz zu ihr passte.
Und ihrer Mutter musste es ebenso gehen, wenn ich ihren Gesichtsausdruck richtig deutete.

„Du hast recht, Baby. Das geht zu weit“, antwortete die dann auch. „Weißt du, wer die Kerle waren?“
Jo schien zu nicken, denn ihre Mutter fuhr fort:
„Dann rufe ich jetzt die Polizei.“
„Bitte!“, musste ich mich nun aber doch einmischen. „Das ist wirklich nicht nötig. Es geht mir gut…“

Beide fixierten sie mich nun und musterten mich mit unterschiedlichen Ausdrücken. Aber ich konzentrierte mich ganz auf die unmittelbare Gefahr. Auf den Ärger im Verzug, der mit einer Einschaltung der Bullen einhergehen würde.
Diese Gefahr in Gestalt von Jos Mutter überraschte mich aber noch einmal.

„Ist das so?“, fragte sie und kam auf mich zu.
Sie packte ziemlich energisch mein Kinn und drehte meinen Kopf so, dass sie in meine Augen sehen konnte.
„Eine leichte Gehirnerschütterung, und wenn ich mir die Schonhaltung so ansehe, dann wohl auch eine mögliche Nierenquetschung.“
„Sind sie Ärztin?“, platze ich verblüfft heraus.
„Psychologin“, antwortete sie. „Aber ein wenig medizinisches Wissen gehört schon dazu.“

„Nun... Ich will nicht undankbar wirken, aber ich möchte eigentlich nicht so gerne ins Krankenhaus“, gestand ich - offenbar noch immer ziemlich benebelt und deswegen sehr offen - ein.
„Ärger mit den Behörden?“, fragte sie scharf und bewies damit, dass bei aller Fähigkeit zum gelegentlichen Ausbrechen aus gewohnten Mustern eine Wespe doch immer ein stechwütiges Insekt bleibt.
„Nein“, erwiderte ich, selbst für mich überraschend kühl. „Ich kenne nur zu viele Leute, die gesund in eine der Gemeindekliniken gingen und tot wieder rauskamen.“

An ihren Augen konnte ich sehen, dass sie wusste, wovon ich sprach, auch wenn sie die Sache nicht weiter verfolgte. Die Kliniken für die Leute ohne Geld und schlimmstenfalls ohne Krankenversicherung waren Schlachthäuser und finanzierten sich zum Teil über den Verkauf von Organen, weswegen lebenserhaltende Maßnahmen bei ihnen nicht sehr hoch auf der Prioritätenliste standen. Und manchmal erwies sich Gerüchten zufolge eine Lungenentzündung als sehr tödlich, wenn man gesunde Nieren oder ein starkes Herz hatte.
Und ich hatte immerhin noch eine gesunde Niere und war auch ansonsten ziemlich fit.

„Ich glaube nicht, dass sie ein Krankenhaus brauchen“, lenkte die Lady ein. „Eine Kopfschmerztablette und ein paar Tage Bettruhe werden ausreichen.“
„Dann bringen wir ihn im Gästezimmer unter“, meldete sich Jo.
Unmittelbar darauf war ich mir absolut sicher, in der absoluten Totenstille ein oder zwei Stecknadeln fallen gehört zu haben. Und zirpende Grillen. Hundertprozentig!

„Ich lasse ihn unter keinen Umständen auf den Campus zurück, solange diese Schläger frei herumlaufen“, schob Jo nach, noch bevor ihre Mutter oder ich reagieren konnten.
„Wenn er aber keine Anzeige erstatten will…“, versuchte die Dame des Hauses es dann noch einmal schwach.
„Dann erstatte ich die. Ich habe schließlich alles gesehen.“
Diskussion zwecklos.
Tatsächlich war es diese Botschaft, die ich kurz stumm mit Mutter Jo austauschte, als wären wir nicht zwei Wesen von unterschiedlichen Enden der Nahrungskette.

Und dann tat ich noch etwas, dass ich gleich darauf bitter bereute, weil mein Körper mir sofort die Quittung dafür präsentierte.
Aber was hätte ich sonst tun sollen, als die Frau einen Schritt zur Seite machte und ziemlich sicher auf der Mischung aus Feuchtigkeit und Dreck ausrutschte, die ich in ihr Haus befördert hatte. Ich musste sie einfach an der Hüfte auffangen, als sie aus dem Gleichgewicht kam und sich sonst ziemlich undamenhaft auf dem Boden lang gemacht hätte.
Und ich ließ sie ja auch sofort wieder los. Was in erster Linie daran lag, dass ich eine Hand für meinen Kopf und die andere für meine Seite brauchte, als dort gleichzeitig zwei kleine Schmerz-Atombomben explodierten.

Mit meinem „Ouhh… Fuck!“ übertönte ich für mich selbst einen Teil dessen, was dann zwischen den anderen Anwesenden vorging. Das Ergebnis war allerdings, dass Jo und die omnipräsente und beinahe unsichtbare Estella mich irgendwo hinbrachten.
Mir fiel auch auf, dass Jo dann ein wenig zögerte, bevor sie den Raum verließ, während Estella blieb und kurz darauf anfing, mir an die Wäsche zu gehen.

Zugegeben… Mir war schon klar, dass sie mir wahrscheinlich beim Ausziehen helfen sollte. Aber das war einfach ein wenig zu viel für einen Tag.
„Incluso me pueda“, schnappte ich vielleicht ein bisschen hart.
Mein Spanisch mochte nicht sonderlich gut sein, aber sie verstand schon, dass ich ihr mitteilen wollte, wie gut ich allein dazu in der Lage wäre, mich freizumachen.
Und ich verstand ziemlich gut, wie sie mir ganz formlos in ihrer Muttersprache mitteilte, dass ich mich gefälligst nicht so anstellen solle und wir beide Ärger bekommen würden, wenn sie mich nicht schleunigst geduscht bekäme.

Ja genau…
Die Realität entwickelte sich dann auch wirklich exakt so, wie man es an dieser Stelle von einem schlechten Film erwartet hätte. Denn die bittere Wahrheit war, dass ich nicht allein auf den Beinen stehen konnte, weil das Schwindelgefühl einfach nicht nachließ.
Dementsprechend konnte ich leider oder glücklicherweise auch nicht wirklich genießen, mit einer wirklich gutaussehenden Latina in schicker Unterwäsche zusammen unter der Dusche zu stehen.
Nicht einmal zum Schämen hatte ich Zeit.

Vermutlich hatte ich ein paar kurze Aussetzer, denn zum einen war mir, als hätte sie einmal etwas gemurmelt, wie ‚Apetitoso’ - also in etwa ‚lecker’ - und zum anderen fand ich mich eher plötzlich in einem Bett wieder, das wirklich jedes Klischee von mehr Bequemlichkeit für mehr Geld erfüllte.
Ich hätte einfach selig einschlafen können, wenn nicht als Nächstes diese beiden Bullen im Raum erschienen wären.

In meinem Zustand konnte ich leider nicht so richtig würdigen, dass der Latino und die Afro-Amerikanerin sich als Klassenunterschieds-Rassisten outeten, wie eine billige Seifenoper es nicht besser hätte darstellen können. Aber das war ja auch nichts Neues…
Ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, wie unterwürfig und zuvorkommend man sich gegenüber den Damen des Hauses verhalten hatte. Und nun redete man mit jemandem, über den es eine Akte gab und der ganz einfach zum Abschaum gehörte. Was sich auf den Tonfall natürlich auswirkte.

„Dann erzähl mal, Punk“, meinte das männliche Streifenhörnchen. „Haben die bösen, bösen Jungs dich so richtig hart rangenommen?“
„Oder waren es doch keine Kerle, sondern ein paar Mädels?“, schlug seine kastenförmige Kollegin vor.
„Ich kann mich an nichts erinnern“, versuchte ich den einfachen und diplomatischen Weg.
„Ach er kann sich nicht erinnern“, säuselte Miss Uganda von vor dreißig Jahren sarkastisch.
„Vielleicht müssen wir ihn etwas eindringlicher verhören“, schlug ihr turnschuhgesichtiger Kollege vor. „Auf dem Revier würden wir sicherlich alles von ihm erfahren.“
„Davon träumst du, Motherfucker“, rutschte mir leider in meinem nicht ganz klaren Zustand heraus.

Und damit hatte ich mir - Überraschung, Überraschung - zwei neue Freunde gemacht. Widerworte waren einem Gossenpunk nämlich nicht gestattet. Rechte gab es nur für Leute, die sich einen Anwalt leisten konnten.
Meine gegenwärtige Reaktionsgeschwindigkeit reichte bei Weitem nicht aus, um etwas zu unternehmen, bevor ich die Pistole von A-Hörnchen unter der Nase hatte.
Gefahr für mein Leben ging davon zwar nicht aus, denn das Kopfkissen unter mir war wahrscheinlich mehr wert, als seine gesamte Altersvorsorge, aber ein paar Schläge mit dem Kolben auf meinen schmerzenden Kopf wären sicherlich drin.
Meine Rettung kam von ziemlich unerwarteter Seite.

„Ich glaube nicht, dass ich mit ihren Befragungsmethoden eines Zeugen einer Straftat einverstanden bin“, ließ sich Jos Mutter von der Tür aus vernehmen. Und ihr Tonfall war gänsehautverdächtig kalt.
„Verzeihung, Ma’am“, riss sich mein Latino-Freund zusammen und steckte seine Knarre weg. „Ähm… Widerstand geg…“
„Wenn sie es wagen sollten, den Vorwurf auszusprechen, wird ihr nächster Dienstposten sicherlich nicht in einem Viertel wie diesem sein“, unterbrach sie ihn unvermindert eisig. „Falls ich nicht ohnehin zu dem Schluss kommen sollte, dass ich auf eine Dienstaufsichtsbeschwerde nicht verzichten möchte.“

Bamm! Das saß!
Die Befragung ging danach extrem gesittet vonstatten und war schnell vorbei, weil ich mich weiterhin an rein gar nichts erinnern konnte. Und zwei neue Feinde hatten mich ganz fest in ihr Herz geschlossen und kannten mein Gesicht.
Yay…

Zwei Minuten später war mir das allerdings egal, denn was auch immer das für eine Tablette gewesen sein mochte, die man mir gegeben hatte… Sie wirkte. Ich schlief ziemlich gut gelaunt ein und fand es überhaupt nicht beunruhigend, dass sich die Farbgebung des Raums immer wieder veränderte.
Und was ich auch gar nicht beunruhigend oder komisch fand, war der Traum davon, wie irgendwann später Jo in den Raum kam, über mich drüberkletterte und sich zu mir hinab beugte, um zu flüstern: „Kein Sterbenswort!“, bevor sie sich an meine Seite kuschelte und mich wieder einschlafen ließ.

Leider war der Effekt verflogen, als ich so in etwa zum Sonnenaufgang aufwachte und sich tatsächlich ein warmer, weiblicher Körper in meinem Arm befand. Und dem fruchtig duftenden, schwarzen Haar in meinem Gesicht zufolge war es nicht die brünette Estella.
Mein scharfes Einatmen weckte Jo und ließ sie den Kopf heben und zu mir aufblicken. Und…
Was war noch gleich das Thema meiner Gedankengänge gewesen?
Süße, verschlafene Gesichter, ein wenig zerknautscht und mit recht verträumtem Augenausdruck? Gemeinsames Frühstück im Bett nach einer langsamen, romantischen Nummer, die Rücksicht auf meine leichten Kopfschmerzen nicht außer Acht ließ? Familiengründung in der Hoffnung auf ein oder zwei Töchter, die von ihrer Mutter diese sagenhaften Augen erben würden?

Ich war hilflos. Und ich war nicht in der Lage, etwas anderes zu tun, als staunend in dieses Gesicht zu blicken. Meine Belohnung war eines der süßesten Lächeln, die ich jemals hatte sehen dürfen.
„Guten Morgen“, wisperte sie.
„Kann ich bestätigen“, murmelte ich abgelenkt.
Sie schlug kurz die Augen nieder und lächelte in sich hinein.

„Ein Jammer, dass ich zur Schule muss“, hauchte sie dann auf eine Art und Weise, bei der mein Körper ganz neue Reaktionsmöglichkeiten entwickelte. „Und ein Jammer, dass ich mir gleich ins Höschen mache…“
„Oh…!“
Meine Reaktion kam mit ungefähr der gleichen Verzögerung, wie sie auch eine zwanzig Meter lange Zündschnur erzeugt. Mein Gehirn war einfach nicht in der Lage, schneller solche Informationen zu verarbeiten.
Ich wollte mich dann - unwillkürlich, wenn man die Reaktionsschwäche mit einberechnet - aufrichten, aber ihre Hand auf meiner Brust verhinderte das.

Moment…
Seit wann war ihre Hand da? Und wieso hatte ich die kernschmelzartigen Temperaturen dort nicht zuvor bemerkt?
„Bleib liegen. Du bist angeschlagen und ich bin schon einmal… über dich drüber gestiegen…“

Schluck!
Ja…
Wer war ich noch gleich?
Achja… Ein sabbernder Haufen Wackelpudding in den Fängen ihres Tonfalls und der Art, wie sie auf diese Anspielung hin wieder kurz den Blick niederschlug, sich die Lippen befeuchtete und sich dann verspielt auf die Unterlippe biss.
Und Jo war noch nicht fertig…

Unter der Decke, die sie sich mit mir geteilt hatte, glitt sie über mich und vermied dabei in keinster Weise, dass unsere Nasen sich bis auf wenige Mikrometer nahe kamen.
Wie auch immer es mir hatte entgehen können - erst in diesem Moment fiel mir auf, dass sie ganz eindeutig kein Shirt oder Nachthemd trug. Und auch keinen BH oder sonst irgendetwas, dass verhindert hätte, dass ihre Brüste über meinen Oberkörper streiften.
An sich wäre allein das schon geeignet gewesen, mir einen weiteren Blackout zu verschaffen. Aber dann hätte ich verpasst, wie etwas, dass ohne jeden Zweifel an ihren Nippeln befestigt war, meine eigenen Brustwarzen streifte.
Und… Fuck… Ich hatte wirklich eine Schwäche für diese Art von Körperschmuck.

Allerdings wurde das dann doch zur Nebensächlichkeit, als der Körperkontakt unser beider Aufmerksamkeit auf unsere Unterkörper lenkte.
„Oh…“, hauchte sie und ihr Blick verklärte sich ein wenig. „Für mich…?“
Was sollte ich darauf antworten?
Nein, dass macht er jeden Morgen…? Steif ist der Schwanz der Bisamratte…? Gar nichts…?
„Normalerweise bevorzuge ich Blumensträuße als Zuneigungsbekundungen“, schnurrte sie und blickte mir dabei tief in die Augen. „Aber bei einem Mann wie dir ist ein schönes Stück Holz absolut in Ordnung…“

Hei-li-ge Schei-ße!
Ich war so dermaßen Beute, dass ich einfach gar keinen klaren Gedanken zustande bekam.
Meine komplette Aufmerksamkeit war von ihren Augen gefangen. Und von dem Gefühl, wie sich - nur getrennt von einem spürbar hauchdünnen Stück Stoff - etwas Heißes, Weiches, und ziemlich sicher auch Feuchtes über die gesamte Länge meiner Morgenlatte schob.
Ich konnte nur noch schnaufen.

„Mmh…“, machte sie derweil genießerisch. „Welches Baujahr hat diese Corvette?“
Unten angekommen, wo ich an der Basis meines Schwanzes ungelogen ihren Pulsschlag spüren konnte, kehrte sie die Bewegung um. Und trotz des Stoffs fühlte ich unglaublich deutlich, wie ihre Schamlippen an beiden Seiten meiner Latte wieder hinaufglitten.
„Egal…“, ergänzte sie mit glänzenden Augen. „Ich bin mir absolut sicher, dass er in meine Garage passen würde…“

Ich hatte nie zuvor einen dermaßen erotischen Moment erlebt. Und ich war nie zuvor so dermaßen reglos und untätig dabei.
Alles in mir schrie danach, ihre Hüfte zu packen und das verfickte Höschen einfach zu durchstoßen wie ein Jungfernhäutchen. Und so rein vom Spannungsgefühl her hätte das auch geklappt.
Aber ich tat es nicht.
Warum?
Keine Ahnung. Mein Gehirn war gerade nicht da und konnte die Frage nicht beantworten.

Jo wusste, dass ich mich einhundert-fünfundneunzig-prozentig in ihrer Hand befand und sie genoss es sichtlich. Aber sie schien auch ein klein wenig enttäuscht, dass ich nicht zumindest ein wenig Initiative zeigte.
Mit einem Seufzen setze sie ihre Seitwärtsbewegung fort und glitt wieder von mir hinunter. Dann stieg sie aus dem Bett und zeigte mir noch ein paar Besonderheiten, die ich bei ihr vielleicht hätte erwarten sollen.
Die Auffälligsten davon waren die beiden tätowierten Engelsflügel auf ihrem oberen Rücken, aber die Muster im unteren Bereich waren auch nicht ohne. Vor allem, weil sie offenbar nach vorne hin weiterliefen und einen kleinen Spruch umrahmten, den ich wirklich niemals bei einer Frau aus ihrer Gesellschaftsschicht erwartet hätte:
One inch more or less DOES matter beyond the target line’.

Totaler, mentaler Overload war die Folge.
Jo war ein Blechbunny. Oder sogar selbst eine Fahrerin. Oder zumindest schon mal in Berührung mit der Szene gekommen.
Sie war sowas von keine Barbie…!

„Ich hatte mir wirklich tausendprozentig vorgenommen, auf keinen Fall Mitglied in deinem Sexclub zu werden oder mich sonstwie auf dich einzulassen“, sagte sie leise, nachdem sie sich nach ihrem Shirt auf dem Boden gebückt hatte.
Mit durchgestreckten Beinen! Und ohne Rücksicht darauf, dass sie einen hauchdünnen String trug.
„Aber das war, bevor du dich von vier Pennern hast verprügeln lassen, die du ziemlich sicher ganz leicht in die Tasche hättest stecken können…“

Ich blickte zu ihrem Gesicht auf. Glitzernde Feuchtigkeit in ihrem Schoß hin oder her. Selbst der Anblick der Seite ihrer Brust war nicht ganz so wichtig, wie der Ernst in ihrer Stimme. Auch wenn Ersterer nicht unbemerkt blieb…
„Hättest du dich auch für Mel so verprügeln lassen?“
Ich nickte langsam. Das hätte ich, aber bevor ich einwenden konnte, dass ich nicht wirklich für sie - für Jo - Prügel bezogen hatte, fuhr sie schon fort.
„Und für mich hättest du es auch getan, nicht wahr…?“
„Für dich würde ich töten.“

Schon Sekunden danach hatte ich selbst das Gefühl, das ich damit so ziemlich den dämlichsten Spruch geklopft hatte, der möglich war. Aber es war mein voller Ernst. Und das Faszinierende war: Sie erkannte das.
An der Tür hielt sie kurz inne und drehte nicht einmal den Kopf, um mir noch etwas mitzuteilen.
„Ich bin kein geduldiger Mensch, Matt. Und ich bin so stolz, dass es schon fast als Geisteskrankheit durchgeht.“
Sie ließ das für eine Sekunde wirken, bevor sie die Bombe zündete.
„Also wenn du noch einmal eine Chance vorüberziehen lässt, zuzugreifen, wenn ich dir ein Angebot mache, dann wird es keine weitere geben…“

Damit war sie aus dem Zimmer verschwunden und ließ mich mit einer Million Gedanken allein.
Und wenn es kein verficktes Schicksal war, dass genau in dem Moment der dämliche Radiowecker anging und die Stimme von Jessica Silverstone ertönte, wie sie ihr topaktuelles Cover eines alten Liedes zum Besten ab, dann wusste ich auch nicht…

You're one in a million.
You're once in a lifetime.
You made me discover one of the stars above us.

I've been looking for that special one.
And I've been searching for someone to give my love.
And when I thought that all the hope was gone.
You smile, there you were and I was gone.


Och Menno…

Fuck me!


*****

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Dienstag, 8. Mai 2012

Soulmates - Teil 04

Soulmates
Eine Westside-Story - irgendwie...
© 2012-2015 Coyote/Kojote/Mike Stone


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Teil 01
Teil 02
Teil 03
Teil 04
Teil 05
Teil 06
Teil 07

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IV. - Dangerous

Hold on tight, you know she's a little bit dangerous.
 She's got what it takes to make ends meet.
 The eyes of a lover that hit like heat.

Roxette - Dangerous (1989)

So sah es also aus, als das neue Schuljahr anfing: Ich war der Außenseiter und ich trieb es mit ungefähr der Hälfte meiner Altersgenossinnen. Jocasta gehörte nicht zu diesem Kreis. Was eigentlich fast das Beste daran war.
Ihre treuen Untertaninnen verheimlichten ihr etwas. Etwas wirklich Schwerwiegendes. Das gab meinem Selbstwertgefühl zusätzlichen Auftrieb. Und es ließ tief blicken, was ihre Aufmerksamkeit anging. Sie fühlte sich so sicher, dass sie es nicht einmal bemerkte.
An meiner Tasche hatte ich mittlerweile eine ganze Reihe von Höschen. Aber ich hatte damit aufgehört, nach jeder Begegnung eines einzufordern. Nur von Melody hatte ich zwei Stück. Und irgendwie bedeuteten die mir auch etwas. Besonders, da sie und ich nie wieder etwas miteinander hatten.
Zum Ende des letzten Schuljahres hatte sie die Schule gewechselt. Irgendetwas mit ihren geschiedenen Eltern, soweit ich es mitgehört hatte. Sie war nun auf einer Schule bei ihrem Vater und ihre Schwester war dafür hier.
Klick.
Die Neue!

Etwas an ihr war mir bekannt vorgekommen. Und nun wusste ich es. Das musste Melodys Schwester sein.
Verdammt!
Ich war eigentlich froh gewesen, dass sie fort war. Ich hatte die Sommerferien in einer Resozialisierungseinrichtung verbracht und war mehrfach überprüft worden. Meine Bewährungszeit war offiziell vorbei und man hatte beschlossen, dass meine Noten und Beurteilungen gut genug waren, um mich meinen Abschluss auf der Schule machen zu lassen.
Meine Leistungen waren objektiv betrachtet schlecht, weil ich meistens zwei Noten schlechter bewertet wurde, als alle anderen. Insbesondere, wenn ich gute Arbeit ablieferte. Aber ich hatte eine reelle Chance auf ein Abschlusszeugnis. Wahrscheinlich gerade einen halben Punkt oberhalb der Marke. Aber immerhin.
Schließlich wäre es für das Projekt an sich schlecht gewesen, wenn es ein Fehlschlag wäre. Und außerdem musste eine Topschule ja wohl einen Asozialen mit dem notwendigen Wissen versorgen können, auch wenn der dumm war, oder?

Mel weiter auf der Schule zu haben, wäre eine Komplikation gewesen, denn ich war nicht so wirklich richtig über sie hinweggekommen. Ich war nicht verliebt oder verknallt, aber sie hatte mir etwas angeboten, was sonst niemand mir hatte geben wollen: Freundlichkeit. Und ich hatte sie abblitzen lassen. Weswegen ich mich gleich doppelt schlecht fühlte.
Ihre Schwester sah nicht aus wie sie, aber es gab da Ähnlichkeiten. Und an meinem Defizit in Sachen menschlicher Wärme hatte sich nichts geändert.

Ich war meine Fußfessel nun los und durfte theoretisch auch den Campus verlassen. Aber ich durfte das bewachte Wohngebiet nicht betreten und mich nicht darin bewegen, ohne einen Ausweis zu haben, der mich als Anwohner identifizierte.
Ich durfte also theoretisch in die Stadt, konnte aber nicht dorthin und vor allem nicht wieder zurückgelangen. Was mich de facto auf den Campus beschränkte.
Aber zumindest konnte ich darauf spekulieren, mich ab und zu wegschleichen zu können. Solange mich keine Streife anhielte, würde ich mich nicht ausweisen müssen. Und ohne die Fessel war ich nicht an einen Lokalisator gebunden. Denjenigen in meiner Ausweiskarte konnte ich schließlich zurücklassen.
Damit gab es die Möglichkeit, sich zu einem der Häuser zu schleichen, in denen die anderen Schüler wohnten. Und ich war nicht bereit darauf zu wetten, dass ich nicht eines Tages nachts vor Melodys Fenster gestanden hätte.

Aber ihre Schwester war nicht Mel. Sie brachte mir sicherlich keine Wärme entgegen und ich hoffte, dass sie sich auch nicht dem Sexklub anschließen würde, der sich um mich herum entwickelt hatte. Wobei…
Von meinem Platz aus konnte ich sie sehen und musterte sie noch einmal eingehend, wenn auch diesmal möglichst unauffällig.
Sie musste genau so alt sein wie Mel. Aber sie sah ihr nur geringfügig ähnlich. Also entweder dicht aufeinander geboren oder zweieiige Zwillinge. Ich spekulierte auf Letzteres.

Sie war süß. Also so richtig süß.
Melody hatte etwas Lolitahaftes an sich gehabt. Ihre Schwester wirkte wie ein Engel. Ein Engel mit dunklem Haar und erstaunlich großen Brüsten für einen so zierlichen Körperbau. Aber ihre Augen waren nicht so sanft wie die ihrer Schwester.
Mel hatte sich hart und abgebrüht gegeben und vielleicht ein sanftes Wesen gehabt. Ich war mir bewusst, dass ich da viel interpretierte und Wunschdenken einbrachte. Aber ich konnte es auch nicht ändern.
Ihre Schwester war abgebrüht. Wenn ich jemals einen jungen Menschen in diesen Gesellschaftskreisen gesehen hatte, dem ich einen eiskalten Mord zutrauen mochte, dann war es diese Frau.

Oh ja… Check.
Ich sortierte sie nicht als unreifes Mädchen ein, wie die anderen. Warum auch immer. Ich sah eine Frau unter lauter Mädchen.
Und ich sah auch Leidenschaft in ihren Augen. Eiskalte Mörderin? Eher aus Leidenschaft. Ich war bereit, eine Wette darauf einzugehen, dass sie nicht einen Deut weniger Temperament hatte, als die jähzornige Jocasta. Aber sie hatte es besser im Griff. Ein ruhender Vulkan.
Wie wäre wohl der Sex mit ihr…?

Scheiße!
Ich erstarrte bei diesem Gedanken. Falsche Richtung. Ganz schlechte Idee. Warning! Warning!
Und dann sah sie mich an. Und ich war Beute…

Sie hatte die ganze Zeit über still dem Gespräch ihrer neuen Klassenkameradinnen gelauscht. Vermutlich über alles, was an dieser Schule für die Mädchen von Bedeutung war. Aber sie hatte sich zurückgehalten und ziemlich sicher ihre eigene Meinung gehabt.
Sie hatte all diese Kleinigkeiten nicht getan, die ich bei allen Mitläuferinnen beobachtet hatte. Sie war eine Macherin und vermutlich echte Konkurrenz für Jocasta. Und das im Abschlussjahr. Arme Püppi…
Aber nun sah sie mich an. Ihre unglaublichen, blauen Augen erwiderten direkt meinen Blick.

Meine automatische Reaktion war ein schmieriges, halbseitiges Grinsen und ein offensichtlicher Blick auf ihre Brüste. Aber als ich wieder in ihr Gesicht sah, hatte sie eine Augenbraue hochgezogen und ihre Augen lächelten wissend.
Busted! Sie durchschaute den Bluff sofort und informierte mich darüber.
Sie saß einfach nur so entspannt da. Die Beine locker überkreuzt, einen Arm lang mit dem Handgelenk auf dem oberen Knie und einen Arm bequem in den Schoß gelegt. Den Rücken gerade und den Kopf hoch erhoben ließ sie ihre Haltung nicht dominant wirken, aber sie verweigerte auch jede Unterwerfungsgeste. Beispielsweise gegenüber Jocasta.
Aber alles, was ich wahrnehmen konnte, waren diese verfluchten Augen und wie perfekt sie zu den fein geschwungenen Brauen passten. Oder zu den hochgezogenen Wangenknochen, die ihr etwas Exotisches verliehen. Katzenhaft, wenn man erst einmal die Augen analysiert hatte. Engelsgleich andernfalls. Aber trotz meiner Einschätzung über sie irgendwie noch beides.
Wer konnte sagen, ob ein Engel gefallen war, oder noch seine Harfe hatte?

Ihr linker Mundwinkel zuckte etwas und ich bekam das leichteste, angedeutete Lächeln, das ich jemals gesehen hatte. Es war amüsiert. Nichts weiter. Nicht herablassend, nicht abfällig. Nur amüsiert. Und ich musste zugestehen, dass sie ein Recht auf ihre Reaktion hatte. Ich hatte als Erster agiert und war durchschaut worden.
Ihr Mund bewegte sich. ‚Wer ist das da?‘, fragte sie in die Runde, ohne die anderen Mädchen anzusehen.
Die Runde folgte ihrem Blick und fing sofort an zu schnattern. Ich erntete eine Reihe böser und abfälliger Blicke. Auch die anderen um Jocasta herum hielten die Fassade aufrecht, obwohl alle beide gelegentlich unter mir vor Lust kreischten.
Die Neue wandte ihre Aufmerksamkeit von mir ab und betrachtete die anderen drei der Reihe nach. Sie hörte nicht nur zu, sondern analysierte auch, was sie wirklich sagten. Da ich meinen Blick nicht losreißen konnte, wurde ich Zeuge einer sehr interessanten Reaktionsspanne.

Mels Schwester hatte ein gutes Pokerface. Aber es war nicht perfekt. Sie zeigte Reaktionen, die sehr subtil waren. Vermutlich wären sie mir direkt vis-à-vis nicht so deutlich aufgefallen, wie auf die Distanz. So formte sich aus winzigen Bewegungen der Augenbrauen, der Nase, der Mundwinkel und der generellen Körperhaltung ein Bild.
Während ich es beobachtete, ging mir auf, dass ich sie deswegen so gut einschätzen konnte, weil ich auf sehr genauen Beobachtungen ihrer Schwester aufbauen konnte. Wenn man jemanden in verschiedenen Stadien der Ekstase beobachtet hat, lernt man eine Menge. Ich war mir nun sicher, dass sie Melodys Zwillingsschwester war. Und ich erfuhr auf erstaunlich klare Weise, was sie von Dingen hielt, die ihr über mich erzählt wurden, ohne diese Dinge genau zu kennen.
Was auch immer ihr Jocasta berichtete, sie nahm es skeptisch. Sie erkannte scheinbar genau, dass Jocasta mir gegenüber voreingenommen war. Und sie sortierte es für sich auf eine Weise ein, die ich nicht genau einschätzen konnte. Aber sie kaufte es nicht.
Was die anderen beiden erzählten, konnte sich im Wortlaut nicht so sehr unterscheiden. Aber es vermittelte offenbar eine ganz andere Botschaft. Es schien ein gewisses Erstaunen zu erzeugen, als könne die Neue klar erkennen, dass Worte und Körpersprache nicht miteinander harmonierten.
Mehrmals blickte sie zu mir, als suche sie nach der Wahrheit zwischen den Zeilen in meiner Haltung oder in meinem Gesicht. Und jedes Mal wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich sie noch immer anstarrte.
Fuck! Ich musste hier weg!

Aber ich musste mich auch an mein Image halten. Und deswegen ging ich am Tisch der Gruppe vorbei.
„Wasch dir lieber den Mund, Jo“, grunzte ich mitten eine Tirade von Jocasta über Klassenunterschiede hinein. Die Reaktion kam wie erwartet. Zumindest die eine.
„Der Name ist Jocasta, Müllmann“, korrigierte mich die oberste Barbie eisig. Sie hatte aufgebracht, dass meine einzige Chance auf einen Platz in ihren Kreisen eine Tätigkeit als Müllmann sein würde. Und es war kleben geblieben.
Wie ich erwartet hatte, tastete ihre Hand aber gleichzeitig nach ihrem Puderdöschen. Sie würde bald überprüfen, ob ihr Lippenstift noch richtig saß, oder ob ich einen Makel an ihrem perfekten Makeup entdeckt hatte. Und sie würde es sicherheitshalber so oder so erneuern. Was genau das war, worauf ich abgezielt hatte, obwohl mein Kommentar sich auf ihr Lästermaul bezog.
Allerdings reagierte auch die Neue:
„Wieso?“, fragte sie vergnügt. „Ist da noch Sperma?“

Ich stolperte, aber niemand bemerkte es, denn alle Augen lagen auf der Frau, deren Name oder wahrscheinlicher Spitzname, offenbar ebenfalls Jo lautete.
Sie lachte nach einem Moment in die Stille hinein und ich wäre beinahe noch einmal gestolpert, denn mir knickten de Knie ein. Mit diesem Lachen musste sie von Rechts wegen als bewusstseinsverändernde Droge eingestuft werden.
„Ein Scherz“, erklärte sie noch immer lachend und sorgte für eine ganz kurze Entspannung der beinahe schon greifbaren Stille. „Ich schlucke immer alles.“

Bamm!
Ich rannte beinahe aus der Mensa, damit ich nicht vor Lachen brüllend auf dem Boden endete.
Diese Art von Humor war etwas, dass ich noch niemals bei einer Barbie beobachtet hatte. Im Geiste gestand ich Jo dafür eine großzügige Menge Gummipunkte zu. Und irgendwie zweifelte ich daran, dass sie sich so völlig an die hiesigen Gegebenheiten anpassen würde, dass sie diesen Stein aus meinem Brett entfernt kriegen würde.
Ich erwartete nicht, dass sie mich gut behandeln würde. Ich war Realist. Aber ich war fast bereit zu hoffen, dass sie anders genug war, um eine Koexistenz zu ermöglichen.
Ich hatte sowas von keine Ahnung…

Ich schätzte Jo natürlich völlig falsch ein. Sie hatte mich am Haken, wie sie binnen weniger Tage alle anderen Männer am Haken hatte. Sie kam aus Europa hierher nach Amerika. Und allein deswegen war sie ein Exot. Aber sie war auch vom Wesen her anders, als die anderen. Nur eben nicht so, wie ich gehofft hatte.
Sie spielte ihre Karten ziemlich offensiv aus und machte klar, dass man als Weltbürger nicht verschämt mit sexuellen Themen umging. Sie hatte immer ein Beispiel für jemanden, der Wurzeln in Amerika und Frankreich oder Deutschland oder sonst wo hatte, wenn es darum ging, ihre Einstellung als moderner und erhabener zu verteidigen. Und sie rannte bei den Jungs damit natürlich offene Türen ein.
In den zwei Jahren auf der Schule hatte niemals jemand Jocasta zweimal nacheinander widersprochen und war noch Teil der angesagten Clique. Jo tat das scheinbar an ihrem ersten Tag binnen zehn Minuten, nachdem ich die Mensa verlassen hatte. Und sie blieb nicht nur trotzdem Teil der In-Clique, sondern schubste sogar Jocasta beinahe vom Thron.
Innerhalb weniger Tage gab es diejenigen, die Jocasta unerschütterlich die Treue hielten und den Rest, der lieber Jos Geschichten und ihrem bezaubernden Lachen lauschte. Ein Krieg bahnte sich an.

Und ich?
Ich war aus der Schusslinie. So unglaublich das klingt.
Niemand hatte Zeit, auf dem Gossenpunk herumzuhacken. Es gab Wichtigeres. Was überraschenderweise plötzlich auch für mich galt.

Mit dem neuen Jahr hatte sich auch im Lehrkörper etwas getan. Und nebst anderen Veränderungen gab es einen neuen Lehrer. Und eine neue Arbeitsgemeinschaft auf freiwilliger Basis: Autotuning.
Für die reichen Bengel waren Arbeiten wie Autoreparaturen natürlich so uninteressant wie nur irgendwas. Aber Tuning stand auf einem anderen Blatt. Es war cool, es war angesagt und es war hipp. Sogar wenn es von irgendwelchen Jungs aus dem Ghetto gemacht wurde. Solange eine Kamera dabei war.
Tuning war die Brücke zwischen dem Ghetto und der Welt der Reichen. Neben Rap natürlich. Und… Tuning war mein Terrain.

Ich hatte natürlich keine Hoffnung darauf, in die Tuning-AG zu kommen. Die Plätze waren belegt, bevor auch nur jemand geruhte, mich über die Sache in Kenntnis zu setzen.
Aber zum Tuning gehört nun einmal eine Menge Drecksarbeit. Und auch die Arbeitsvariante, gegen die alle Schüler der Schule eine ausgeprägte Allergie hatten: anstrengende, körperliche Tätigkeiten.
Der neue Lehrer hatte damit kein Problem, wie ich herausfand, aber er saß im Rollstuhl. Also brauchte er Hilfe für viele Dinge, die mit schwerer Arbeit zu tun hatten. Und daher wandte er sich an den Hausmeister.

Und damit kam der Tag, an dem ich so dankbar wie nie zuvor - oder danach - dafür war, dass Frank, der Gebäudemanager sehr gerne Anstrengendes auf seinen halbfreiwilligen Zwangshelfer abwälzte: mich.
Er ließ mich aus der letzten, regulären Stunde des Tages holen und schickte mich in die neu eingerichtete Werkstatt der Tuning-AG. Was auch der Zeitpunkt war, zu dem ich von dieser AG erfuhr.
Dort angekommen sah ich eine fast fünfzig Jahre alte Corvette. Oder was davon übrig war, denn der Wagen hatte mindestens ein Jahrzehnt auf einem Schrottplatz oder in einem Hinterhof verbracht. Aber unter dem Rost und Dreck steckte eine solide Karosserie, wie ich wegen meiner Vorliebe für Oldtimer wusste.
Ganz offensichtlich war das Wrack gerade angeliefert worden. Und ein Mittvierziger im Rollstuhl betrachtete es zweifelnd.

„Sind sie der Hausmeister?“, fragte er, als er mich bemerkte.
Ich hatte zunächst nur Augen für die Schönheit in Rostrot und Matschbraun. Aber ich konnte schließlich auch unter die Schale sehen.
„Äh…“, machte ich. „Nein. Aber ich bin hier, um zu helfen. Ich bin der Resozialisierungs-Knacki-Handlanger.“
Es war vielleicht nicht die beste Art sich vorzustellen, aber ich hatte schon lange gelernt, dass ich genau so betrachtet wurde, wie ich mich dem Mann gegenüber bezeichnet hatte. Und es stand außer Frage, dass er genau so über mich instruiert worden war. Aber er überraschte mich.

„Der was?“
„Äh… Ich bin in einem Resozialisierungs-Pilotprojekt an dieser Schule und helfe neben dem Unterricht dem Gebäudemanagement aus.“
So stand es auf dem Papier, auch wenn die Realität eher der ersten Vorstellung entsprach.
„Oh“, machte der Mann. „Aha. Na dann …“
„Wie kann ich helfen?“, fragte ich, um ihn aus der Verlegenheit zu befreien, irgendetwas Nettes zu sagen.
„Ich bin nicht sicher, ob mir überhaupt zu helfen ist“, antwortete er seufzend. „Eigentlich soll dieses Schätzchen in der nächsten Zeit auf Vordermann gebracht werden. Aber ich habe wohl den Zustand maßlos überschätzt.“
„Wieso?“, fragte ich abwesend. „Das ist eine 1992er Callaway SuperNatural Corvette. Im Grunde sowieso schon eine Tuning-Variante. Aber eben aus den 90ern des letzten Jahrhunderts. Ist doch eine gute Basis.“
„Huh… Du kennst dich aus, hm?“

„Ein wenig“, versuchte ich bescheiden zu bleiben. Ohne mein Faible für diese Art von Auto hätte ich es weniger genau identifizieren können. „Originalmotor?“
„Das ist eine der Fragen, für deren Beantwortung ich Hilfe brauche“, erklärte der Lehrer. „Ich bin etwas gehandicapt, was das Überprüfen einiger Details angeht.“
Er sagte es ohne Bitterkeit und ich fand ihn auf Anhieb sympathisch. Immerhin hatte er mir auch noch nicht zu verstehen gegeben, dass Abschaum ihn zu siezen hatte oder etwas in der Art.
„Darf ich?“, fragte ich und zeigte auf den Wagen.
„Bitte“, antwortete er. „Nur zu.“

In der nächsten halben Stunde erkundete ich die Eingeweide einer originalgetreuen Callaway-Corvette, die irgendjemand fürchterlich hatte verkommen lassen. Hätte der Wagen in einer Garage gestanden, wäre er bereits über eine Million wert gewesen. Gepflegt leicht das Doppelte. Es war eine Schande. Und ich machte meinem Ärger darüber durchaus hörbar Luft.
Der Lehrer ließ mich alles inspizieren und fragte mich schließlich noch einmal nach meiner Meinung über den Wagen als Projektauto. Er fragte mich!
„Es ist alles dran, Sir“, erklärte ich wahrheitsgemäß. „Die Karosserie wird einige Arbeit machen und überhaupt muss die Schönheit zu allererst mal grundgereinigt werden. Aber wenn man die Arbeit in den kompletten Neuaufbau des Motors investiert, die Elektronik austauscht und die Inneneinrichtung erneuert, würde sie schnurren, wie ein Kätzchen.
Und wenn man sich mit einem guten Konzept ans Motortuning setzt und die richtigen Teile hat, dann könnte sie locker am Ende über die drei Mega gehen.“
Tatsächlich war ich mir sogar sicher, dass der Wagen leicht fünf Millionen an Wert erreichen konnte, wenn er wirklich gut neu aufgebaut werden würde. Aber das hier war keine professionelle Werkstatt.

Der Lehrer pfiff durch die Zähne. Aber nicht wegen der Summe, die ich genannt hatte, wie ich zunächst dachte.
„Du hast Ahnung davon“, stellte er fest. „Wirst du mit in der AG sein?“
Ich lachte. Kurz und freudlos und mit einem guten Spritzer Bitterkeit. „Nicht in tausend Jahren.“
„Bitte?“, fragte er konsterniert.
„Entschuldigen sie, Sir. Hat nichts mit ihnen zu tun. Aber ich bin auf dieser Schule ein Außenseiter und ich komme ganz sicher nicht in die heißeste AG des Jahres. Ich bin ein Paria.“
„Aber du bist verpflichtet bei einigen Aufgaben des Gebäudemanagements zu helfen?“, wollte er mit einem irgendwie listigen Unterton wissen.
„Ja, Sir.“
„Dann fordere ich mal schnell einen Assistenten vom Management an, was?“
„Sir?“
„Nenn mich Jake, Junge“, sagte er grinsend und streckte mir die Hand entgegen. „Wir werden viel Zeit miteinander verbringen.“
Ich musste schlucken und nahm seine Hand sehr vorsichtig. Ich konnte es noch nicht so richtig glauben. Wollte er allen Ernstes mich als Assistenten für sein Tuning Projekt? Mich?
Ich fragte ihn genau das. Und ich erklärte ihm auch den Grund für meine Verwirrung.

„Um es dir klar zu sagen: Ja“, sagte er daraufhin ernst. „Vielleicht bin ich noch nicht lange genug Lehrer auf einer so exklusiven Schule und habe mich noch nicht angepasst. Oder meine Behinderung sorgt für eine gewisse Umnachtung. Oder aber - und ich bevorzuge es so zu sehen - ich bin einfach mehr Lehrer als meine hiesigen Kollegen. Und als Lehrer habe ich nur Schüler. Nicht A-Schüler und B-Schüler.“ Er grinste entwaffnend. „Außerdem wirst du mich verfluchen, denn da du offenbar wirklich gut Bescheid weißt, werde ich dich arbeiten lassen, während ich rede und rede und rede.“
Ich grinste zurück. „Deal!“

Und damit änderte sich so einiges bis im Grunde alles in meinem Leben.
Aber das hatte nicht unbedingt nur mit Jake zu tun…

Nach unserem Gespräch instruierte er mich über die Konzeption der AG. Ursprünglich hatte er vorgehabt, den Wagen in seinen Originalzustand zu versetzen und dann ein wenig aufzuhübschen. Er kannte sich mit der Technik aus und war zuversichtlich gewesen, dass die Schüler seinen Anweisungen folgend die Arbeit erledigen konnten.
Ich zog ihm diesen Zahn, aber es war sowieso hinfällig, denn nachdem wir uns eine Weile über meine Erfahrungen ausgetauscht hatten, fasste er einen ehrgeizigeren Plan.
Ich war ein Schrauber. Und ich kannte mich wirklich mit der Technik aus. Nur die Gesamtkonzeption lag außerhalb meiner Komfortzone. Zusammen konnten wir aus dem Wrack ein Auto machen, dass ein modernes Viertelmeilenrennen gewinnen konnte. Und es erwies sich, dass wir beide auch davon eine gewisse Ahnung hatten.
Also markierten wir gemeinsam dieses ehrgeizige Ziel für die AG. Und ich würde die Arbeit machen, während Jake in seiner Freizeit die Konzeption vornahm und in den AG-Stunden den Schülern lang und breit erklärte, was wir taten.

Sie würden im Höchstfall ab und zu ein Werkzeug anreichen müssen. Und mehr konnte man von ihnen auch nicht erwarten. Aber mir war das ganz recht.
Sicherlich wäre ein weiteres Paar fähiger Hände mehr als hilfreich gewesen, aber ich war zuversichtlich, die Arbeit auch so zu packen. Und ich durfte endlich wieder schrauben.
Die großartigste Aussicht war jedoch, dass ich den Wagen Probe fahren würde, wenn er soweit war. Ich würde in meinem ganzen Leben niemals wieder so ein Geschoß in die Hände bekommen und es auch fahren dürfen. Mehr Motivation brauchte ich nicht.

Jake klärte all das mit der Direktion und dem Hausmeister ab. Letzterer war nur froh, nichts damit zu tun haben zu müssen. Erstere war einfach erstaunt, stimmte aber zu.
Das ganze Projekt würde auf Kamera aufgezeichnet werden. Vor allem, damit alle Arbeitsschritte dokumentiert wurden. Aber auch, weil ich eine Menge Arbeit in meiner Freizeit tun würde, von der die anderen Schüler nichts mitbekamen. So konnten sie die Schritte nachvollziehen.
Und der erste Schritt in der ersten Stunde und danach würde die Reinigung sein. Die echte und wirklich unangenehme, aber auch unvermeidliche Drecksarbeit.

Als die AG-Teilnehmer schließlich eintrafen, erlebten alle eine Überraschung. Die fast ausschließlich männliche Gruppe Schüler wegen meiner Anwesenheit und ich wegen Jo, die Teil der AG sein würde. Das war so ziemlich das Unerwartetste des Tages. Und das wollte was heißen.
Ich erfuhr später, dass sie einfach einen der ursprünglichen Teilnehmer gebeten hatte, ihr seinen Platz zu überlassen. Und er hatte es getan. Aber für den Moment wusste ich nur, dass sie hier sein und mich beobachten würde.
War das Hölle oder Himmel? Keine verschissene Ahnung.

Davon abgesehen fing die Sache allerdings großartig an. Es gab ein wenig Gemurre als sie meiner ansichtig wurden. Aber Jake ignorierte das und sprach mit mir wie zuvor auch.
Es hinterließ bleibenden Eindruck, dass der Lehrer dieser AG mich mit Vornamen ansprach und sich vor allem von mir so anreden ließ. Als einer der anderen einfach auf diesen Zug aufspringen wollte, wurde er so schnell und eindeutig auf seinen Platz verwiesen, dass ich mir noch eine Stufe geehrter vorkam.
Mann… Was für ein Tag. Und er war noch nicht vorbei…

Die AG war auf zwei Stunden nach der regulären Unterrichtszeit einmal in der Woche angelegt. Und die ersten beiden Stunden vergingen mit Erklärungen und einer Schilderung des Projektes.
Jake war ziemlich gut als Erklärer. Er verzichtete auf Details wie den Typ des Wagens, weil das ohnehin niemandem etwas sagen würde. Aber er kriegte sie damit, dass ein Auto aus den 90ern am Ende die schnellsten Straßenwagen der Neuzeit abhängen sollte. Alle waren Feuer und Flamme. Außer Jo. Die war der übliche, undurchschaubare Eisberg.
Allerdings erklärte sich eben dieser Eisberg bereit, die Kamera zu übernehmen. Also kam ich ihr ein gutes Stück näher, als sie die Details dokumentierte, die zur Einführung gehörten.
Himmel oder Hölle? Beides?

Ich meine… Gott!
Diese Frau war so ziemlich all das, was die anderen Mädchen nicht waren. Sie hatte die Bewegungsmuster einer Raubkatze auf der Pirsch, als sie mit der Kamera neben mir herging. Und sie war geschmeidig wie eine Leistungssportlerin. Und ungefähr so sportlich im Muskeltonus.
Das waren keine Fitnessstudio-Muskeln. Sie musste Sport treiben. Ich schwankte zwischen irgendeiner Kampfkunst, Leichtathletik, Tanz und Schwimmen. Am Ende entschied ich mich für alles zusammen, denn es passte einfach zu ihr.

Aus der Nähe betrachtet - und ich nutzte jede noch so kleine Gelegenheit sie heimlich aus der Nähe zu betrachten - trug sie kein Makeup. Nicht einmal Lippenstift. Aber vielleicht irgendetwas an den Augen, denn solche Wimpern und Schattierungen um die Augen in natura zu haben, würde schon gegen die Genfer Konventionen verstoßen.
Ich wäre jederzeit für eine 20:1-Wette zu haben gewesen, dass sie keinen BH trug, auch wenn die Struktur ihres Oberteils das gut verschleierte. Aber ich war mir sicher, subtile Hinweise entdeckt zu haben. Und ich starb beinahe an einem Hustenanfall, als sie sich einmal in den Wagen beugte, während ich hinter ihr stand. Ich sah nichts anderes als den Ansatz ihrer Pobacken. Ohne irgendwelchen Stoff.
Als sie wieder aus dem Wagen kam, blickte sie mich ganz kurz an, bevor sie wieder hinter der Kamera verschwand. Und da wusste ich, dass sie ganz genau wusste, dass sie mich am Haken hatte. So wie alle anderen auf dieser Schule. Zumindest diejenigen männlichen Geschlechts.
Scheiße… Ich war Beute. Und zwar willige Beute.

Aber ich wusste auch, dass ich überhaupt keine Chance hatte. Vielleicht würde ich sie auch irgendwann einmal ficken. Aber es würde ganz genau so oberflächlich sexuell sein, wie mit den anderen Mädchen.
Trotzdem würde ich es tun. Ich war ein Mann. Und sie war so etwas wie die lebendig gewordene Versuchung. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass sie sich nur auf diese Spielchen einlassen würde, wenn sie davon profitierte. Und ob sie die Art der Spielchen und die Orgasmen als profitabel betrachten würde, bezweifelte ich irgendwie. Sie war eher der Typ Frau, der selbst solche Spiele inszenierte. Und der Typ Frau, der keinen Mangel an Orgasmen hat, weil sie sich gar nicht erst so weit einschränkte, dass da ein Mangel entstand.
Scheiße war ich eifersüchtig auf den, der ihr erster Freund hier werden würde. Glücklicher Bastard, der…

Ich kam für mich ganz allein zu einem interessanten Schluss an jenem Nachmittag: Ich hatte ein Faible für den berechnenden Frauentyp.
Die Sorte, die so richtig gefährlich ist und einen wirklich, wirklich unglücklich machen kann, weil sie einen Plan hat, in dem man nur ein Bauer auf einem Schachbrett ist.
Aber auf der anderen Seite waren in diesen Frauen eine Tiefe und irgendwie auch eine Ehrlichkeit der Motivation verborgen, die mich anzog. Und ich hatte das Gefühl, dass echte Gefühle mit so einem Menschen genau die unermessliche Tiefe erreichen konnten, nach der ich mich sehnte, wenn denn überhaupt echte Gefühle aufkamen.
Scheiße… Ich war wirklich auf emotionalem Entzug und hatte mich offenbar in den passenden Eisberg zu meiner Titanic verguckt. Herzlichen Glückwunsch, Matt.

So oder so genoss ich es trotzdem. Und als die AG-Zeit endete, war ich nicht unbedingt glücklich. Aber wie ich sagte: Der Tag war noch nicht vorbei…
Die Schüler packten zusammen und verdrückten sich langsam. Und Jake bedanke sich bei Jo und wandte sich an mich.
„Bis nächste Woche sollte der Wagen sauber sein.“
„Mh-hm“, bestätigte ich. „Inklusive Motor und Ausschlachtung, denke ich.“
„An Motivation mangelt es dir jedenfalls nicht“, lachte er kopfschüttelnd.
„Ich komme hier sowieso nicht raus, Jake. Also kann ich auch das Beste daraus machen.“
„Ich werde dich nicht davon abhalten, Junge.“
„Ich fange jetzt gleich mit der Außenreinigung an, wenn du einverstanden bist. Das dürfte einige Stunden dauern.“
„Darf ich helfen?“

Rasiermesserscharfe Krallen nutzten diesen Augenblick, um mir mit einer federleichten Berührung ganz langsam über den Rücken zu streichen. Und außerdem wurde mir schwindelig. Und schlecht.
„Was?“, kiekste ich, als wäre ich im Stimmbruch.
„Klar“, sagte Jake gleichzeitig und grinste an mir vorbei. Er musste meinen Gesichtsausdruck ziemlich gut interpretieren, denn er fügte unglaublicherweise hinzu: „Kommt ihr Kinder allein zurecht?“
„Klar, Mister Fuller“, flötete Jo vergnügt hinter mir, während ich wieder einen Hustenanfall hatte.
„Wer bereit ist, mit anzupacken und sich die Hände schmutzig zu machen, der darf mich Jake nennen“, erklärte der Lehrer grinsend an mir vorbei. „Und du bist Jaqueline, richtig?“
„Jo, bitte“, antwortete sie. „Und ich hatte mich schon gewundert, wie er sich eingeschleimt haben könnte. War ja doch einfacher als gedacht.“
„Er hat noch ein paar verborgene Qualitäten mehr“, versicherte Jake lachend und klopfte mir auf die Schulter. Er war bereits ein wenig näher zu ihr gefahren, aber ich stand immer noch etwas vorgebeugt dorthin gewandt, wo er zuvor gewesen war. „Aber wo ist denn in Jaqueline ein ‚o‘?“
„Jaqueline Ophelia.“

Ah! So klang es also, wenn sie wirklich Worte auskotzte. Ich war bereit zu beten, dass ich niemals Worte in meine Richtung auf diese Weise hören musste. Auch wenn ich nicht an Gott glaubte. Aber sie konnte aus dem Ganzen auch ein Kontrastprogramm machen, denn sie setzte hinzu: „Und ich bin sicher, dass er noch andere… Qualitäten hat.“
Jake lachte. Und ich machte mich ruckartig gerade, denn die Krallen hatten mich wieder gestreift. Ob sie kleine Hörnchen und Fledermausflügeln bekam, während sie ein Wort so betonte, wie die ‚Qualitäten‘ gerade?

Dann traf mich Baseballschläger Nummer fünf meines Lebens mit etwas Verspätung: Sie wusste es!
Sie wusste über den geheimen Sexklub Bescheid. Und zwar im Detail.
Scheiße!

„Also Kinder“, sagte Jake, „Ich bin weg.“
„Bis zum nächsten Unterricht mit Ihnen“, flötete sie fröhlich.
Ich krächzte irgendetwas, denn meine Stimmbänder waren weiterhin so wackelig, wie meine Knie.
„Mit ‚dir‘, Jo“, rief er über die Schulter und verschwand aus der Halle.
Plötzlich war ich allein. Mit ihr! Mit einem Mal war mir noch flauer.

Aber Jo kümmerte sich erst einmal nicht um mich, sondern ging zum Wagen hinüber. Ich konnte sie aus dem Augenwinkel sehen. Sie fuhr mit einem Mittelfinger an der Außenlinie der Karosserie entlang, als wäre es ein Kunstwerk in der Linienführung.
Nun… Der Wagen war ein Kunstwerk in der Linienführung, aber er war auch ein Wrack. What the fuck…?
„Also eine Callaway SuperNatural Corvette“, murmelte sie abwesend. “1993?”
Ich konnte nicht sofort antworten, denn sonst hätte ich um ihre Hand angehalten. Traumfrau mit zwei Buchstaben, anybody?
Der zweite Versuch wurde zu einem Krächzen, woraufhin ich sie leise kichern hörte. Aber dann gelang es mir zu keuchen: „92.“

Sie antwortete nicht und ich hielt es nicht mehr aus. Ich musste mich umdrehen, oder ich würde ihr auf der Stelle meine unsterbliche Liebe gestehen und sie auf Knien anflehen, mich den Boden küssen zu lassen, auf dem sie stand. Es erwies sich als Fehler.
Anstatt sich weiter über mich zu amüsieren, hatte sie sich dem Motor zugewandt. Es gab da diesen Film vom Anfang des Jahrtausends. Einen Film über Roboter, die ihre Form zu Autos verändern konnten. Und die weibliche Hauptrolle war mit einer der besonders heißen Frauen des damaligen Jahrzehnts besetzt worden. Obwohl sich die Geister über ihre schauspielerischen Qualitäten schieden, waren sich die meisten Fans solcher Oldies einig, dass die Szene, bei der sie sich in den Motorraum eines Wagens beugte, unzweideutig heiß war.

Ich erlebte gerade ihr Remake.
Und dabei fiel mir nicht nur am Rande auf, dass Jo sich scheinbar einen Scheiß darum scherte, ob ihre weiße Hose schmutzig wurde. Was sie wurde.
Oh, wäre ich doch nur dieser Schmutz gewesen.


*****

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